Belohnen auf unterschiedliche Art
Positive Verstärkung versus negative Verstärkung, Belohnung versus Bestrafung, Futterlob versus Zügel nachgeben ...
Wie hängen diese Begriffe zusammen, und wie kann ich persönlich im Training mit meinem Pferd damit umgehen? Mit diesen Fragen beschäftige ich mich schon seit einer ganzen Weile und will hier einmal vorstellen, was ich für mich persönlich an Antworten gefunden habe.
Die Ideen die in diesem Blogpost vorstelle basieren lose auf der Verhaltensforschung von B. F. Skinner zur sogenannten Operanten Konditionierung. Die Original-Forschung findet sich auf der Homepage der B. F. Skinner Foundation.
Ich kann diese Forschungsergebnisse in einem kurzen Blogartikel natürlich nicht vollständig und korrekt wiedergeben. Statt dessen will ich hier erklären, wie ich persönlich das Konzept der positiven und negativen Verstärkung verstehe und auf die Arbeit mit meinen Pferden übertrage.
Verstärkung versus Bestrafung
Fangen wir mit der Theorie an: Die Begriffe "positive" und "negative" Verstärkung bezeichnen beide eine Form der Belohnung (siehe Diagramm):
Bei der positiven Verstärkung wird ein gewünschtes Verhalten belohnt, indem ein für das Pferd angenehmer Einfluss (z.B. ein Stimmlob, ein Leckerli, oder das Kratzen einer juckenden Stelle) "hinzugefügt" wird.
Bei der negativen Verstärkung erfolgt eine Belohnung für das gewünschte Verhalten, indem ein für das Pferd (leicht) unangenehmer Einfluss (z.B. eine Zügelhilfe oder ein Schenkeldruck) weggelassen wird.
Beide Effekte sind also für das Pferd angenehm, auch wenn die "negative" Verstärkung intuitiv erstmal unangenehm klingt.
Umgekehrt sind sowohl die positive als auch die negative Bestrafung für das Pferd unangenehm und sollen dazu beitragen, dass ein unerwünschtes Verhalten reduziert wird:
Bei der positiven Bestrafung wird ein für das Pferd unangenehmer Einfluss (z.B. ein strenges Stimmkommando oder ein Antippen mit der Gerte) "hinzugefügt". Bei der negativen Bestrafung wird ein für das Pferd angenehmer Einfluss weggelassen oder vorenthalten, z.B. wird ein erwartetes Leckerli nicht gegeben wenn das Pferd sich nicht genug angestrengt hat, oder eine "Kraulsession" wird abgebrochen, weil das Pferd aufdringlich wird.
Natürlich ist das alles nicht so einfach wie es auf den ersten Blick aussieht. Zum Beispiel: Ein hungriges Pferd scharrt im tiefen Schnee so lange an verschiedenen Stellen, bis es ein Büschel Gras findet, das es mit Genuss verspeist. Ist das positive Verstärkung (das Gras "kommt hinzu")? Oder negative Verstärkung (der Hunger lässt nach)? Oder beides?
Oder wird der Hunger sogar als Bestrafung empfunden, wenn das Pferd zu faul ist, um durch den tiefen Schnee zu waten und nach Gras zu suchen?
Nicht, dass es darauf ankommt: Wichtig ist, dass das Pferd einen angenehmen Effekt erlebt wenn es die Energie aufbringt und scharrt. Dadurch lernt es, dass das Scharren im Schnee sich lohnt und wird es bei der nächsten Gelegenheit wieder tun.
Meine Strategie: Positiv wie negativ – verstärken geht über bestrafen
Die Diskussion, ob lieber positiv oder negativ verstärkt werden sollte, hat auf beiden Seiten viele überzeugte Befürworter.
Die Vertreter der negativen Verstärkung argumentieren häufig damit, dass ein Training mit Leckerlis oder ähnlichen Belohnungen zu Aufdringlichkeit und Respektlosigkeit führt.
Die Befürworter der positiven Verstärkung sprechen an, dass ein Aufbau von Druck schnell eskalieren kann, wenn die Belohnung (durch Nachlassen des Drucks) zu lange auf sich warten lässt.
Ich persönlich denke, dass beide Seiten sowohl gute als auch weniger gute Argumente haben.
Viel wichtiger finde ich aber die Frage, ob ich den Schwerpunkt auf die Verstärkung/Belohnung von gewünschten Verhaltensweisen legen möchte, oder ob ich viel Wert auf die Reduktion von unerwünschtem Verhalten lege und daher mehr mit Bestrafungen arbeiten will.
Zum Thema "Belohnung versus Bestrafung" habe ich eine eindeutige Präferenz: Mein Schwerpunkt liegt darauf, positives Verhalten zu belohnen. Negatives Verhalten ignoriere ich so lange es geht, und konzentriere lieber sowohl meine Aufmerksamkeit als auch die des Pferdes darauf, was gut funktioniert.
Das wirkt für beide Beteiligten motivierend, und sorgt im Idealfall dafür, dass das positive Verhalten immer häufiger auftritt und die unerwünschten Verhaltensweisen in den Hintergrund treten und so "ganz nebenbei" verschwinden.
Ob ich dabei mit positiver oder negativer Verstärkung arbeite, hängt vom Kontext ab. Lange bevor ich die Begriffe positive und negative Verstärkung das erste Mal hörte, hatten Tandri und ich schon eine Art "Vereinbarung":
Einerseits hatten kleine Spiele und Zirkuslektionen, die komplett ohne Druck auf freiwilliger Basis stattfanden und mit verbalem Lob und Leckerlis belohnt wurden. Das war also reine positive Verstärkung, bei der die Belohnung durch "hinzufügen" von Stimmlob oder Leckerli stattfand.
Andererseits gab es die "ernsthafte" Arbeit, bei der ich eher traditionell mit Schenkeldruck und Zügelhilfen arbeitete und die Belohnung durch Wegfallen der Hilfe passiere. Das war also hauptsächlich negative Verstärkung.
Zusätzlich arbeitete ich aber auch bei der herkömmlichen Arbeit viel mit Stimmlob und einem gelegentlichen Leckerli, um richtige Reaktionen zu betonen so dass Tandri sie sich gut merken konnte.
Tandri konnte sehr gut unterscheiden, wann es um spielerische Lektionen ging und wann ernsthafte Arbeit gefordert war. Zufrieden mitgearbeitet hat er in beiden Fällen.
Ein erstes Fazit
Nachdem ich bei Tandri sehr gute Erfahrungen mit der Mischung aus Freiarbeit / positiver Verstärkung einerseits und traditioneller Arbeit / negativer Verstärkung andererseits gemacht hatte, habe ich diese Kombination auch in Helgis Ausbildung einfließen lassen.
Von freiem Folgen über Gelassenheitsübungen bis hin zum freien Springen über kleine Hindernisse hat Helgi alles was er im herkömmlichen Training mit negativer Verstärkung lernte auch mit positiver Verstärkung freilaufend mit mir geübt.
Dadurch hatte ich auch den direkten Vergleich der beiden Ansätze.
Mein erstes Fazit: Die herkömmliche Arbeit mit negativer Verstärkung fällt mir oft leichter.
Das liegt natürlich nicht zuletzt daran, dass das die Art ist, wie ich das Reiten gelernt habe, also die Art des Umgangs, die ich über lange Jahre von vielen unterschiedlichen Trainern gelernt habe.
Unabhängig davon habe ich aber auch den Eindruck, dass die Kommunikation über Schenkel- und Zügelhilfen ein direkterer und intuitiv verständlicherer Weg für Pferd und Reiter sein kann, als die Kommunikation über Stimm- und Futterlob.
Wenn ich die Zügel annehme oder nachgebe ist das ein unmittelbares Signal für das Pferd, auf das es ebenso unmittelbar reagieren kann.
Umgekehrt merke ich sofort, wenn mein Pferd dem Zügel nachgibt oder dem Schenkel weicht und kann automatisch reagieren, ohne bewusst darüber nachdenken zu müssen.
Dieses unmittelbare körperliche Feedback fühlt sich im Idealfall für mich wie ein Paartanz an. Bei der Arbeit mit positiver Verstärkung fehlt mir häufig diese instinktive Verbindung. Hier muss ich mein Pferd bewusst beobachten, und ebenso bewusst mit Lob reagieren.
Natürlich ist der Idealfall des "Reitens als Partnertanz" nicht immer realistisch.
Gelegentlich komme ich bei der herkömmlichen Arbeit mit negativer Verstärkung in Situationen, in denen mein Pferd mich nicht versteht und wir nicht weiter kommen. Dann kann es oft einfacher sein, Dinge in Freiarbeit ganz ohne Druck mit positiver Verstärkung zu üben.
Der Vorteil: Das gibt meinem Pferd die Möglichkeit, '"nein" zu sagen.
Der Nachteil: Das gibt meinem Pferd die Möglichkeit, '"nein" zu sagen.
Einerseits gibt diese Möglichkeit zum "nein" dem Pferd die Zeit, die Aufgabe in Ruhe zu überdenken und auf seine eigene Weise zu lösen.
Andererseits gibt es ihm auch die Chance, der Aufgabe komplett auszuweichen und sie gar nicht zu lösen.
Wie auf den beiden obigen Fotos zu sehen ist, neigt Helgi im Normalfall dazu, frei begeistert Dinge zu tun, die ihn unter noch so leichtem Druck zu unheimlich sind, um sie zu versuchen.
Momentan ist seine Leistungsfähigkeit wegen einiger körperlicher Baustellen sehr von der Tagesform abhängig. Herkömmliche Arbeit ist häufig schwierig mit ihm, er ist oft unmotiviert und bockig.
Bei der Freiarbeit ist er auch nicht immer begeistert bei der Sache, aber wenn ich die Leckerli-Tasche zücke spitzt er auch an gar nicht guten Tagen die Ohren und lässt sich motivieren, zumindest für ein paar Minuten mitzumachen.
Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert:
Einerseits bin ich sehr froh, dass Helgi sich trotz seiner offensichtlichen körperlichen Beschwerden motivieren lässt, sich zu bewegen.
Andererseits stehe ich immer wieder vor der Frage, ob ich es ihm durchgehen lassen darf, wenn er bei der herkömmlichen Arbeit unmotiviert und bockig ist.
Und dann ist da noch das Problem, dass er immer noch zu schwer ist und ich ihm nicht jedes "nein" durchgehen lassen kann, wenn er genug abnehmen soll um gesund zu bleiben.
Ich muss also einen gesunden Mittelweg zwischen zu viel und zu wenig Druck finden. Mehr dazu im nächsten Blogpost.
Viele Übungen und viele Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.
Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer.
Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.
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