Gelassenheitsübungen machen Spaß
Nach den eher ernsten Themen der letzten Wochen ist es an der Zeit, mich daran zu erinnern wie viel Spaß ich Helgi und ich zusammen haben können. Hier sind zwei kleine Episoden, in denen ich mit Helgi Gelassenheitsübungen gemacht habe: Ein Spiel mit dem Regenschirm, und die erste Begegnung mit der Gymnastikmatte. Die war zwar eigentlich eher für das Gleichgewichtstraining gedacht, aber Helgi war anderer Meinung!
Helgi liebt Herausforderungen, und nachdem er die "gefährlichen" Objekte einmal "besiegt" hatte, liebt er diese beiden Übungen auch heute noch.
Der viel-gefürchtete Regenschirm
Es regnet seit Tagen ununterbrochen. Helgi hat sich im Paddock von oben bis unten mit Sand „eingelegt“. Putzen und Satteln ist fast unmöglich, und ich bin heute in der Mittagspause im Stall und habe nicht viel Zeit.
Selbst wenn ich Helgi in vertretbarer Zeit sauber genug bekommen könnte um ihn zu satteln: Bei dem Wetter würde reiten auch nicht wirklich Spaß machen. Am liebsten würde ich mich gar nicht unter meinem Regenschirm wegbewegen.
Und schon ist eine Idee geboren: Gelassenheitstraining mit dem Regenschirm schlägt gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Ich muss weder Putzen noch im Regen reiten, und kann gemütlich unter meinem Regenschirm im Trockenen bleiben. Und Helgi lernt „ganz nebenbei“, dass Regenschirme nicht gefährlich sind.
Besser geht’s gar nicht, oder?
Helgi ist erstmal so gar nicht meiner Meinung.
Diesem gefährlichen Ungeheuer soll er sich nähern? Oder gar darunter kommen und sich ein Leckerli abholen?
Nein, nein, nein, so schnell geht das nicht!
Helgi hält zwei Meter Abstand, läuft um mich herum. Starrt den Schirm an, starrt mich an. Interessant findet er das Ding ja schon. Wenn er sich nur trauen würde, es näher zu untersuchen!
Ich grinse ihn an, erzähle im mit fröhlicher Stimme, dass der Regenschirm überhaupt nicht gefährlich ist. Und warte, trocken unter meinem Regenschirm.
Helgi tastet sich Schritt für Schritt näher an mich heran. Ob der Schirm wohl beißt?
Das tut der Schirm nicht.
Helgi fasst sich ein Herz und beschnuppert das Ding ausgiebig.
Es passiert immer noch nichts Schlimmes.
Im Gegenteil: Für diese mutige Aktion gibt es ein großes Lob und eine Belohnung.
Das macht doch gleich noch mehr Mut!
Jetzt wird der Regenschirm detailliert unter die Lupe genommen und von allen Seiten erforscht.
Er beißt immer noch nicht!
Ich spare nicht mit Lob und Leckerlis, und langsam sehe ich, wie die Spannung aus Helgis Körper abfließt. Er spitzt fröhlich die Ohren und tastet sich einen Schritt näher heran.
Bald stehen wir gemeinsam unter dem gar nicht mehr so gefährlichen Regenschirm, und Helgi findet meine Leckerli-Tasche viel interessanter, als das komische Ding über seinem Kopf.
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Die leuchtend blaue Gymnastikmatte
Im Zusammenhang mit den Übungen nach dem Prinzip von Intrinzen bin ich auch über eine Idee gestolpert, die ich gerne einmal ausprobieren möchte: Die Balance des Pferdes soll trainiert werden, indem es auf einer dicken Gymnastikmatte steht.
Die Gymnastikmatte habe ich im Onlinehandel gefunden und kurzerhand bestellt. Jetzt geht es daran, Helgi das Ding schmackhaft zu machen.
Der ist nicht überzeugt, dass das eine gute Idee sein soll. Er will dem bunten Ding auf der Erde lieber erst gar nicht zu nahekommen. Ich kann ihn bis auf einen Meter heranführen, dann steht er wie angegossen und schnaubt aufgeregt.
Darauf steigen? Nicht dran zu denken.
Je mehr ich versuche, ihn mit sanftem Zupfen am Führstrick zu überzeugen, näher an die Matte heranzugehen, desto mehr legt er den Rückwärtsgang ein.
Also mache ich, was ich in dieser Art von Situation grundsätzlich immer tue: Ich nehme Helgi das Halfter ab und versuche, ihn frei davon zu überzeugen, mir auf die Matte zu folgen.
Helgi ist immer noch skeptisch, geht jetzt aber nicht mehr rückwärts.
Im Gegenteil: Jetzt ist er ein wenig mutiger. Er bleibt dicht bei mir, schnuppert mit lang ausgestrecktem Hals an der Matte, während ich darauf stehe. Dafür will er eine Belohnung, die er auch bekommt.
Auf die Matte treten will er aber trotzdem nicht. Ich gehe rückwärts von ihm weg, stehe auf der gegenüberliegenden Seite neben der Matte.
Das findet Helgi gut, jetzt kann er wieder zu mir kommen – um die Matte herum. Ich muss lachen und bleibe kurz ruhig bei ihm stehen. Er entspannt sich ein wenig, ist aber enttäuscht, dass er für seine innovative Lösung kein Leckerli bekommt.
Nach einer kurzen Pause zum Durchatmen gehe ich über die Matte und versuche, Helgi zu mir zu locken. Er läuft wieder darum herum, worauf ich wieder über die Matte von ihm weggehe.
Helgi findet das sehr aufregend. Er will unbedingt zu mir kommen, aber auf die Matte treten geht ja gar nicht!
Das geht ein paar Minuten so, mit kurzen Pausen, damit Helgi sich wieder beruhigen kann.
Dann wechsele ich die Strategie: Ich laufe mit ihm kreuz und quer über den Platz, überquere dabei immer wieder die Matte. Helgi läuft begeistert mit, macht aber um die Matte immer noch einen großen Bogen.
Irgendwann wird es ihm zu dumm, dass ich versuche, immer die Matte zwischen uns zu halten. Er bleibt stehen und guckt mich über die Matte an.
Ich gehe rückwärts, Schultern vor, Kopf gesenkt, lockend.
Helgi macht einen Schritt auf die Matte zu. Ich gehe noch einen Schritt zurück, und Helgi fasst sich ein Herz.
Im gestreckten Galopp rast er über die Matte zu mir, stoppt gerade noch rechtzeitig, bevor ich aus dem Weg springen muss.
Mein kleiner Held!
Er wird überschwänglich gelobt und bekommt die wohlverdiente Belohnung.
Jetzt ist der Bann gebrochen, und Helgi steigt mit mir auf die Matte. Erst nur mit den Vorderhufen, aber bald mit allen vier Beinen.
Er ist sichtlich stolz auf sich und will das neue Spiel seitdem von sich aus immer wieder spielen.
Weitere Übungen und viele Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.
Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer.
Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.
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