Helgi erobert den Geschicklichkeits- Parcours
Ein informelles Hofturnier
Unsere Stallbetreiber richten ein Hoffest aus, für das auf dem Reitplatz ein Geschicklichkeitsparcours aufgebaut wird. Nichts formelles, nur eine kleine Abwechslung für Pferd und Reiter, um den Nachmittag bunt zu gestalten.
Helgi und ich haben Gelegenheit, den Parcours am Nachmittag vorher schon einmal zu inspizieren. Wir sind alleine auf dem Reitplatz, so dass ich ihm das Halfter abnehmen kann. Er ist Feuer und Flamme und geht die Attraktionen sofort begutachten!
Bälle-Vorhang, Poolnudel-Toor, Plastikplane, Gymnastikmatte: Alles wird begeistert untersucht und ausprobiert. Ich laufe nebenher und geben gelegentlich eine Belohnung, wenn er eine Aufgabe besonders gut gemeistert hat. Eigentlich braucht Helgi mich aber gar nicht.
Er freut sich einfach über den Abenteuerspielplatz, in den sich der sonst eher langweilige Reitplatz heute verwandelt hat.
Was sind das für spannende Poolnudeln, die da im Weg rumhängen?
Die bunten Bälle im Vorhang sehen aus wie Äpfel! Kann man die essen? Nein, sie schmecken nicht, aber sie fühlen sich gut an. Da muss er gleich nochmal dran knabbern.
Oh, eine Gymnastikmatte! Die kennt er. Da haben wir Panther Walk drauf geübt, also mit einem Vorderbein weit nach vorne ausgreifen. Das übt er dann gleich mal ohne irgendwelchen Input von mir.
Und da ist eine Plastikplane! Die raschelt unter den Füßen und wird gründlich untersucht, bevor Helgi sich mit allen vier Füßen drauf stellt und mich stolz anguckt.
Die "offizielle" Runde über den Parcours am nächsten Tag läuft dann auch entsprechend glatt. Diesmal nicht frei sondern am Halfter, damit er nicht quer über den Platz läuft und die anderen Pferde stört, macht Helgi alles bereitwillig mit.
Wir laufen mehrfach durch den Bälle-Vorhang, den die anderen Pferde sehr unheimlich finden. Helgi demonstriert, wie lustig er das komische Ding findet, und die anderen Pferde gucken skeptisch zu.
Einige der anderen Pferde finden das beruhigend genug, dass sie sich dann auch überzeugen lassen, einmal durch den Bälle-Vorhang zu laufen. Andere bleiben skeptisch und gucken lieber von weitem zu, wie Helgi sich für den Vorhang begeistert.
Aber die schönste Attraktion ist heute neu: Eine Einstellerin hat ihr Podest zur Verfügung gestellt. Als Helgi das sieht, ist sogar der Bälle-Vorhang auf einmal uninteressant. Er will unbedingt zum Podest und mit den Vorderfüßen aufsteigen.
Auf Aufforderung steigt er brav wieder ab, will aber sofort wieder hoch. Ich muss erstaunlich viel Überzeugungsarbeit leisten, damit mein Pony auch mal die anderen Pferde zum Zug kommen lässt.
Das war nach einer langen Durststrecke endlich mal wieder ein Tag, an dem Helgi und ich viel Spaß miteinander hatten!
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Die Vorgeschichte
Helgi war von Anfang an sehr neugierig. Aber er war definitiv nicht immer so mutig wie heute.
Die erste Begegnung mit der Gymnastikmatte zum Beispiel war ein Abenteuer, über das ich heute noch grinsen muss, wenn ich daran zurück denke:
Helgi war seit ein paar Monaten bei mir, und ich hatte aus dem Intrinzen-Umfeld die Idee mitgenommen, dass so eine dicke Gymnastikmatte für den Aufbau der Balance eines jungen Pferdes sehr hilfreich sein kann. Also kam ich mit meiner neuen Matte in den Stall, legte sich auf dem Platz aus, und machte mich daran, Helgi freilaufend zu überzeugen, da mal drauf zu steigen.
Helgi hatte andere Ideen: Die Matte fand er schrecklich unheimlich. Er lief darauf zu, schnupperte daran, mit langem Hals und weggestreckten Beinen, drehte auf der Hinterhand ab und galoppierte weg.
Wenn ich mich auf die andere Seite der Matte stellte, lief er in einem weiten Bogen darum herum, um zu mir zu kommen. Wir spielten mindestens eine halbe Stunde lang um die Matte herum "Fangen", bis es Helgi zu dumm wurde. Da nahm er Anlauf, galoppierte an und raste im vollen Tempo über die Matte zu mir. Ich war schon bereit, zur Seite zu springen, aber Helgi schaffte es gerade noch, vor mir anzuhalten ohne mich anzurempeln.
Danach war dann der Bann gebrochen. Jetzt konnte er mit den Vorderbeinen auf die Matte steigen, ohne sich zu fürchten. Die Hinterbeine auch noch mit drauf zu bekommen war dann Übungssache. Zehn Minute später stand er mit allen vier Füßen auf der Matte und war sichtlich stolz auf sich.
In Helgis erstem Jahr bei mir gab es viele kleine derartige "Mutproben". Immer ohne Zwang, und oft auch ganz frei auf dem Reitplatz. Helgi erkundete Regenschirme, bunte Hindernisstangen, und flatternde Plastikbänder. Er war oft ängstlich, aber immer neugierig und bereitwillig bei der Sache.
Wie das Foto oben zeigt hatten wir beide viel Spaß an diesen spielerischen Herausforderungen. Und "ganz nebenher" lernten wir uns gegenseitig einzuschätzen. Wir bauten gegenseitiges Vertrauen auf, dass wir uns auch in nicht alltäglichen Situationen aufeinander verlassen konnten. Wir bauten auch beide Selbstvertrauen auf, dass wir in diesen Situationen richtig reagieren konnten.
Das hat uns später auch aus der einen oder anderen potentiell brenzligen Situation im Gelände herausgeholfen, wenn uns "gefährliche Monster" wie zum Beispiel Fahrräder oder Kinderwagen entgegen kamen.
Und auch heute noch kommt uns dieses Training gelegentlich zugute, wenn wir an den aktuell kurzen Tagen in der Abenddämmerung unterwegs sind und es im Gebüsch neben uns bedrohlich raschelt. Das kann für Helgi schonmal sehr aufregend sein. Ich sitze dann ab und gehe mit ihm gemeinsam in Richtung Gebüsch – und schon ist das Rascheln gar nicht mehr so bedrohlich.
Weitere Übungen und viele Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.
Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer.
Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.
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