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Wenn das Pferd streikt: Ein Wechselbad der Gefühle Teil 1

Plötzlich verweigert Helgi die Mitarbeit

Kaum ist das Buch über Helgis Ausbildung veröffentlicht ...

Helgi, ein fuchsfarben gescheckter Isländer, steht von der Kamera abgewendet vor einem farbenfrohen Hintergrund. Weder der blaue Himmel noch die grüne Wiese in der Ferne scheinen ihn zu interessieren: Seine Ohren sind missmutig nach hinten gerichtet

Mein kleines Traumpferd ist erwachsen und fertig ausgebildet, das Buch über seine Ausbildung ist veröffentlicht und hat gute Kritiken bekommen. Ende gut, alles gut – so sollte man meinen, oder?

 

Aber wie zuvor schon erwähnt kam es anders als ich mir das gewünscht hatte: Helgi machte deutlich klar, dass er nicht mehr geritten werden wollte. Da ging das große Rätselraten los.

 

Habe ich in seiner Ausbildung etwas falsch gemacht und er kündigt mir jetzt den Gehorsam auf?

 

Langweile ich ihn, so dass er keine Lust zur Mitarbeit hat? Oder ist das Gegenteil der Fall, und er ist mit der Arbeit überfordert?

 

Stimmt irgendwas nicht mit ihm und er hat Schmerzen? 

Isländer Helgi steht in der Ecke eines Sandplatzes, den Kopf missmutig gesenkt, die Ohren zur Seite gestellt

Anfangs bin ich noch überzeugt, dass das Problem in meinem Training liegt. Dafür spricht, dass er zwischenzeitlich deutlich williger wirkt, wenn ich ihn regelmäßig gymnastiziere

 

Dann fängt Helgi an, sich sehr steif zu bewegen und manchmal leicht lahm zu wirken. Gymnastizieren hilft nur noch bedingt, und wird im Laufe der Zeit immer schwieriger, da Helgi sich wehrt.

 

Dummerweise ist das Problem nicht zuverlässig reproduzierbar. Bei mehreren Terminen mit dem Tierarzt ist es höchstens zu ahnen, nicht definitiv zu sehen. Der Tierarzt findet bei den Untersuchungen dann auch keine offensichtlich Ursache für Helgis plötzliche Aufsässigkeit.

 

Die Osteopathin die ich zu Rate ziehe tippt auf ein Problem mit dem Kreuzbein. Die Behandlung hilft auch tatsächlich, aber nicht 100%ig und nur für kurze Zeit. Mehrere Folgebehandlungen zeigen ein ähnlich unbefriedigendes Resultat.

Leckerlitasche bei Loesdau
Leckerlitasche bei Loesdau

Der Tierarzt findet immer noch nichts, was das Problem erklären könnte und sagt mir, ich solle mein Pferd normal reiten.

 

Es beginnt eine lange Zeit von kleinen Fortschritten und größeren Rückschritten. Mal bin ich nach einem schönen harmonischen Ausritt mit Helgi überglücklich, dann wieder der Verzweiflung nahe weil gar nichts klappen will und mein Pferd übellaunig und sogar bissig ist.

Aufsteighilfe bei Loesdau
Aufsteighilfe bei Loesdau

Helgi läuft etwas verhalten aber fröhlich hinter Reiter Stephan her, der offensichtlich mindestens genauso viel Spaß an dem Wettrennen hat wie das Pferd

Ich setze auf eine Mischung aus Abwechslung im Training (was bei einem ähnlichen Problem während Helgis Ausbildung schon einmal geholfen hatte) und Freiwilligkeit bei der Arbeit, weil ich nicht sicher bin ob Helgi nicht doch Schmerzen hat. 

Letzteres erscheint mit immer wahrscheinlicher, da Helgi jetzt immer häufiger lahm zu sein scheint.

 

Leider ist die Lahmheit auch jetzt nicht zuverlässig nachstellbar, und der Tierarzt kann immer noch keine körperliche Ursache feststellen.

 

Ich ziehe eine Physiotherapeutin zu Rate.

Sie versucht es mit Massagen und Dehnübungen, die Helgiunangenehm zu finden scheint. Die Behandlungen helfen eine Zeit lang ein bisschen, sind aber im Endeffekt auch nicht erfolgreich.

 

Helgi und ich gehen oft spazieren, machen viel Freiarbeit und andere Bodenarbeit.

 

Zum Glück ist mein Mann oft dabei und unterstützt mich bei der Bodenarbeit und mit gemeinsamen Spaziergängen mit Skarpur. Das hilft, da fühle ich mich nicht so allein mit dem unerklärlichen Problem.

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... und nach all dem Frust dann auch noch das

Reiterin Sigrid steht auf einem kleinen Hocker, Islandpferd Helgi davor, fast in Position, um sie aufsteigen zu lassen. Dafür wird er mit einem Leckerli belohnt

Bei unserer Freiarbeit gehe ich mit Helgi gerne auch mal frei auf dem Reitplatz oder im Longierzirkel zur Aufsteighilfe. Wir üben erst, dass er an der Aufsteighilfe stehen bleibt. Als er verstanden hat, dass er sich so ein Leckerli verdienen kann, schwinge ich mich auf seinen Rücken und steige gleich wieder ab. 

 

Im Laufe der Zeit findet Helgi heraus, dass er auch mit mir auf dem Rücken ein paar Schritte gehen kann. Dann werden es ein paar Schritte mehr, und ich kann im Longierzirkel mehrere Runden reiten, bevor er mich wieder zum Absteigen auffordert.

 

Aber wir haben auch immer wieder Tage, an denen er sehr unrund läuft und mich auch nicht auf seinem Rücken dulden will.

 

Zum Glück haben wir ein Signal mit dem Helgi mich zum Absteigen auffordern kann. So kommt es nie zu einem Konflikt, in dem Helgi buckeln oder steigen würde. 

 

Insgesamt wird es immer klarer, dass Helgi mehr Rückschritte als Fortschritte macht. Wir haben immer wieder gute Tage, aber die schlechten Tage überwiegen inzwischen deutlich.

 

Ich ziehe eine neue Osteopathin zu Rate. Die findet am Bewegungsapparat kein Problem und tippt auf eine Magenschleimhautentzündung. Die würde auch das Kotwasser erklären, das in der letzten Zeit sehr stark geworden ist und auf eine tierärztlich empfohlene Behandlung mit Darmenzymen nicht angesprochen hat.

Zwischen Helgis Ohren hindurch fotografiert ist ein anderes Pferd mit Reiter zu sehen, der ein Stück weiter vorne zwischen zwei sommerlich grünen Büschen hindurch reitet

Der Tierarzt sagt mir, dass Helgis Bewegungsprobleme nichts mit dem Magen zu tun haben können. Das Kotwasser könnte aber durchaus mit dem Magen zusammenhängen, so dass ich einen Magenschoner für Helgi bekomme, erstmal als Kur für 6 Wochen.

 

Und siehe da: Zum ersten Mal seit Anfang der Misere geht es Helgi deutlich erkennbar besser.

 

Er will immer noch nicht lange geritten werden, und wenn, dann nur im Schritt. Aber im Laufe des Sommers baut er wieder Muskeln auf. ich kann jetzt im Gelände bis zu 20 Minuten lang tragen lassen, bevor die Aufforderung zum Absitzen kommt. Auf längeren Ausritten/Spaziergängen trägt mich Helgi sogar mehrfach für 20 Minuten.

 

Das Kotwasser geht auch deutlich zurück, hört schließlich auf. Eine Untersuchung und anschließende Behandlung der Darmflora bringt eine weitere Verbesserung, so dass wir den Magenschoner wieder absetzen.

Helgi steht wieder am anderen Ende des Reitplatzes und guckt skeptisch in Richtung Kamera

Und dann kommt der Herbst und das Ende der Weidesaison. Das Kotwasser kommt zurück, und mit ihm das Problem mit Helgis Motivation. Ich gehe wieder zu kurzen freiwilligen Reit-Sessions auf dem Reitplatz über: Aufsteigen an der Aufsteighilfe, ein paar Schritte reiten, auf Aufforderung sofort wieder absteigen.

 

Dummerweise hat sich eine gefährliche Angewohnheit eingeschlichen: Ich schwinge an der Aufsteighilfe mein Bein über Helgis Rücken, ohne darauf zu achten, dass er richtig steht. Auch das Festhalten an der Mähne ist im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten. An einem grauen Sonntag Nachmittag Ende Oktober kommt die Quittung: Helgi macht einen kleinen Schritt zur Seite, ich verliere das Gleichgewicht und purzele von der Aufsteighilfe.

 

In 99 von 100 Fällen wäre das kein Problem gewesen. Der Reitplatz ist ein Sandplatz, die Aufsteighilfe ist höchstens 30 cm hoch, und ich bin auch nicht mit Schwung gefallen. Aber wie es der Teufel will, bin ich extrem dumm gefallen und habe mir einen komplizierten Armbruch direkt unterhalb der Schulter zugezogen.

 

Es folgt eine Operation, drei Monate komplette Pause bei der Arbeit mit Helgi, und dann ein langer Genesungsprozess, währenddessen ich auch viel weniger mit Helgi machen kann, als der nötig hätte. Eine Freundin hilft, und mein Mann kümmer sich viel um die Pferde, aber Helgi wird fett und baut Muskeln ab.

Als ich endlich wieder mit ihm arbeiten kann ist klar, dass ich nicht weiter auf Freiwilligkeit bauen kann, wenn ich sein Übergewicht im Griff behalten will.

 

Ich bin nicht glücklich mit dieser Entscheidung, und Helgi ist es auch nicht. Wie es weiter geht, erfahrt ihr im nächsten Blogpost.

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Die ursprüngliche Geschichte von Helgis Ausbildung mit vielen Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

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