Grundlage der Bodenarbeit: Zügelführung
Dies ist ein Ausschnitt aus meinem Buch Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen am 30. April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Vielen Dank an den Verlag, dass ich den Text hier verwenden darf!
Ich habe einige Formulierungen leicht angepasst, um den Ausschnitt als alleinstehenden Text im Blog verständlich zu gestalten.
Anmerkungen, die im Originaltext nicht vorhanden sind, sind in Kursivschrift gehalten.
"Reiten" vom Boden
Das Training der Zügelhilfen vom Boden ist für Pferd und Reiter einfacher als das Training im Sattel, wo das Reitergewicht für beide Beteiligten eine zusätzliche Herausforderung darstellt.
Dazu werden die Zügel ähnlich wie beim Reiten aufgenommen. Beide Hände liegen am Sattel. Die Gerte wird in der „inneren“ Hand gehalten. Bei einem Pferd, das empfindlich auf die Gerte reagiert, zeigt diese nach unten wie in der ersten Abbildung dargestellt.
Wenn das Pferd die Gerte gut akzeptiert, kann sie auch nach oben über dem Pferderücken gehalten werden (siehe zweite Abbildung).
Anfangs wird nur das Antreten, Geradeaus-Gehen und Durchparieren geübt. So kann sich das Pferd an die ungewohnte Position des Reiters gewöhnen. Dabei ist es sinnvoll, eine äußere Begrenzung zu nutzen, um dem Pferd Halt zu geben.
Erst im zweiten Schritt wird geübt, z.B. in einer Volte von der Begrenzung weg zu gehen. Im nächsten Schritt kommen dann einfache Bahnfiguren und freie
Richtungswechsel hinzu. Das freie Geradeauslaufen ohne seitliche Begrenzung wird erst geübt, wenn das Pferd auf beiden Händen gelassen
vorwärts geht und gut auf die Reiterhilfen reagiert.
Ein Durchparieren wird mit Stimme und Körpersprache vorbereitet, bevor die Zügelhilfe kommt. Zum Antreten kann bei einem sehr eifrigen
Pferd nur mit Stimme und Körpersprache gearbeitet werden. Wenn das nicht ausreicht, kann vorsichtig die Gerte zu Hilfe genommen werden.
Bei dieser Übung ist zu beachten, dass das junge Pferd am Anfang seiner Ausbildung das Zusammenspiel der Zügelhilfen noch nicht versteht. Anfangs darf also außer zum Durchparieren immer nur mit einem Zügel eingewirkt werden.
(Bei einem erwachsenen Pferd gilt dieser letzte Abschnitt natürlich nicht: Sobald das Pferd über das erste Stadium der Grundausbildung hinaus ist, ist es sogar wichtig, dass beide Zügel eingesetzt werden.
Wie im dritten Bild gezeigt, wirkt der äußere Zügel begrenzend, während der innere Zügel eine Biegung anfragt oder auch nur kurz angenommen wird, damit das Pferd dem Zügel nachgibt.)
Der obige Text findet sich in Helgis Jungpferdebuch im Abschnitt "Übungen und Trainingsideen", Übung 4 auf Seite 148.
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Bodenarbeitsübungen
Aufbauend auf der obigen Grundlage können dann die meisten Übungen vom Boden aus vorbereitet werden, die auch wir auch unter dem Sattel trainieren wollen. Das kann vom Schenkelweichen über die Vorhandwendung bis zum Schulter-Herein alles sein.
Hier will ich beispielhaft das Schenkelweichen kurz beschreiben. Diese Übung findet sich in Helgis Jungpferdebuch im Abschnitt "Übungen und Trainingsideen", Übung 6 auf Seite 157.
Das Jungpferdetagebuch erklärt die Übung für ein Jungpferd, das das Schenkelweichen noch gar nicht kennt. Sie ist aber auch geeignet, einem fertig ausgebildeten Pferd die Übung noch einmal neu zu erklären, wenn sie vom Sattel aus nicht oder nicht gut klappt.
Das Schenkelweichen vom Boden soll dem Pferd die seitwärtstreibenden Hilfen erklären und es dazu bewegen, mit dem inneren Hinterbein möglichst weit unter den eigenen Schwerpunkt zu treten.
Das Fernziel der Übung ist ein echtes Schenkelweichen vom Boden, also ein Kreuzen der Hinterbeine in einer korrekten leichten Stellung. Im ersten Schritt soll das junge Pferd aber erst einmal lernen, überhaupt einen Schritt mit der Hinterhand seitwärts zu gehen.
Grundsätzlich soll die Übung wie oben beschrieben mit Hilfe einer Zügelführung wie im Sattel durchgeführt werden. Der Reiter läuft an der Bande und stellt das Pferd in seine Richtung, so dass es an der Bande entlang seitwärts geht (siehe Abbildung). Vorwärts getrieben wird mit Körpersprache (auf die Schulter des Pferdes zugehen), Stimme und bei Bedarf mit der Gerte.
Bei einem in der Ausbildung schon fortgeschrittenen Pferd wird der äußere Zügel weich anstehen gelassen, um die Schulter zu begrenzen und eine zu ausgeprägte Biegung zu verhindern.
Diese Übung war schon sehr früh Teil von Helgis Ausbildung. Er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht so weit, dass er das Zusammenspiel der Zügelhilfen verstanden hatte. Anfangs habe ich daher am Führstrick oder den analog zum Führstrick gehaltenen Zügeln oder sogar freilaufend mit ihm gearbeitet.
In diesem frühen Stadium tat Helgi sich mit dem Seitwärtsgehen ohne deutliche Biegung sehr schwer. Wenn ich ihm nur eine korrekte, leichte Stellung erlaubte, fing er schnell an, mit der Vorhand zu hüpfen und nach oben auszuweichen, statt seitwärts zu treten. Hier war die (vorübergehende) Abhilfe, eine stärkere Biegung zuzulassen. Sobald er den Hals nach innen biegen durfte, trat Helgi problemlos seitwärts.
Wie oben schon kurz erwähnt, eignet sich diese Art der Bodenarbeit nicht nur für junge Pferde. Auch mit dem deutlich älteren Skarpur habe ich die oft und gerne Übungen gemacht, die meine Trainerin Johanna mir für den jungen Helgi gezeigt hatte.
Skarpur beherrscht diese Übungen unter dem Sattel, aber im Laufe der Zeit schleichen sich immer wieder kleine Fehler ein. Vom Boden aus sind diese Fehler deutlich einfacher zu korrigieren, als wenn ich im Sattel sitze und mich außer auf die Zügelarbeit auch noch auf meine Gewichts- und Schenkelhilfen konzentrieren muss. Auch das Pferd erscheint mir bei der Bodenarbeit oft konzentrierter und weniger abgelenkt, als wenn es unter dem Sattel mit meinen kleinen Fehlern beim Reiten umgehen muss.
Und auch mit dem jetzt fertig ausgebildeten Helgi arbeite ich immer noch gerne vom Boden. Bodenarbeit hilft Helgi mir nach Verletzungspausen wieder "ins Thema zu kommen". Gerade wenn mein Pferd recht untrainiert und steif ist, greife ich gerne zu Übungen am Boden, um an dem Problem zu arbeiten.
Gelegentlich können sie aber auch als Selbstzweck dienen, wenn ich nicht viel Zeit habe und Helgi nicht extra satteln möchte.
Insgesamt sind Bodenarbeitsübungen für mich also eine schöne Alternative zur Arbeit im Sattel.
Weitere Übungen und viele Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.
Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer.
Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.
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