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Und was jetzt? Ein Wechselbad der Gefühle Teil 5

Mein Pferd mag immer noch nicht

Wie schon mehrfach berichtet, geht es Helgi seit einiger Zeit nicht gut, so dass wir Ende letzten Jahres in die Tierklinik gefahren sind und ihn gründlich haben auf den Kopf stellen lassen. Seit dem zweiten Besuch in der Tierklinik sind inzwischen schon wieder einige Wochen ins Land gegangen.

 

Seitdem geht es Helgi offensichtlich besser: Er ist deutlich umgänglicher und besser gelaunt, bewegt sich wieder freier, und spielt in der Herde wieder mehr.

 

Aber seine Lahmheit hält sich hartnäckig, und Reiten ist immer noch schwierig. Er läuft unter dem Sattel steif und verspannt und bleibt oft stehen und verlangt, dass ich absteige.

 

Das Training mit ihm ist also immer noch ein Wechselbad der Gefühle.  

Ein typischer Trainingstag: Freilaufen auf dem Reitplatz

Islandpferd Helgi, ein Fuchsschecke mit heller Mähne, rennt in einer seltsamen Gangart ungelenk aber willig über den Reitplatz

Sonntag Nachmittag an einem sonnigen Tag im März. Mein Mann Stephan und ich sind zusammen im Stall und lassen Helgi auf dem Reitplatz laufen. Es ist recht warm, da sollte Helgi locker sein … dachten wir.

 

Helgi ist auch recht gut gelaunt und läuft bereitwillig, als wir ihn dazu auffordern. 

 

Aber: Er lahmt.

 

Oder genauer gesagt, er schleppt sich in einem schwunglosen Trab mit schlechtem Takt über den Reitplatz.

 

Ich greife zu einem Trick der in der letzten Zeit öfter einmal geholfen hat und lege eine einzelne Trabstange aus. Helgi spitzt die Ohren, richtet sich auf, und trabt mit ein wenig mehr Schwung und viel besserem Takt über die Stange – drei oder viermal rechts herum, dann ein paarmal links herum.

 

Dann lässt die Energie wieder nach, Helgi lahmt wieder mehr und hebt die Füße nicht mehr ordentlich.

Isländer Helgi springt fröhlich auf ein kleines Hindernis zu

Statt die Stangen wegzunehmen oder ganz aufzuhören tun wir das Gegenteil erhöhen wir den Schwierigkeitsgrad: Wir stellen Hindernisständer auf und legen die Stange auf circa 40 cm Höhe.

 

Und schon ist die Energie wieder da!

 

Helgi galoppiert an, springt auf beiden Händen mehrfach mit viel Schwung über das kleine Hindernis, bevor die Kraft nachlässt und er anfängt, das Hindernis zu reißen.

 

Nachtreiben hilft nicht, nebenher laufen und mit ihm zusammen springen schon. Aber auch das klappt nur ein paar Mal, dann ist Helgis Energie endgültig aufgebraucht.

 

Aber immerhin: Heute hat er sich ordentlich verausgabt.

 

Kleine Herausforderungen fördern die Motivation!

Ein Ausritt zu dritt

Zwischen den Ohren eines Islandpferds mit fuchsfarbenen Ohren und heller Mähne hindurch fotografiert sieht man einen Reiter auf einem Schimmel zwischen grünen Büschen hindurch reiten

Letzte Woche habe ich mit wenig Erfolg versucht, Helgi allein im Gelände zu reiten: Er war immer mal wieder bereit, mich ungefähr 20 Meter im verspannten Schritt zu tragen, dann blieb er stehen und wollte dass ich wieder absteige.

 

Heute kommt Stephan mit Skarpur mit, und eine Freundin schließt sich an.

Vielleicht ist Helgi motivierter, wenn andere Pferde dabei sind?

 

Beim ersten Versuch sieht das nicht so aus: Nach einer kurzen Strecke Führen zum Aufwärmen steige ich auf. Helgi läuft ein paar Schritte sehr spannig und bleibt dann stehen, obwohl Skarpur vorneweg läuft.

 

Ich steige also wieder ab und führe die nächsten 200 Meter. Dann kommt der nächste Versuch aufzusitzen, und siehe da: Jetzt geht Helgi deutlich weniger verspannt bereitwillig los.

 

Für die nächste Viertelstunde ist mein Pferd ein ganz normales Reitpferd. Wir tölten ein ganzes Stück, und Helgi lässt sich vom Gehwillen der anderen beiden Pferde anstecken. Auf einmal ist er wieder ganz der alte, fragt nach dem Durchparieren, ob wir nicht gleich wieder antölten wollen, und strahlt allgemein gute Laune aus.

 

Bis wir zu einem Wegstück kommen, das recht steil bergab geht. Dort werden seine Schritte kurz und zögerlich. Er läuft zwar immer noch bereitwillig weiter, aber der Schritt wird von Minute zu Minute spanniger

Leckerlitasche bei Loesdau
Leckerlitasche bei Loesdau

Ich pariere von mir aus durch und steige ab.

 

Nach ein paar Minuten versuche ich noch einmal aufzusteigen – aber jetzt mag Helgi nicht. Nach ein paar Metern steige ich wieder ab. Ein paar Minuten später der nächste Versuch, mit demselben Ergebnis. Aber beim dritten Versuch trägt Helgi mich bereitwillig bis es wieder steil bergab geht und ich von mir aus wieder absteige.

Hindernisständer bei Loesdau
Hindernisständer bei Loesdau

Sehr schön! Reiten auf freiwilliger Basis funktioniert deutlich besser als ich zu hoffen gewagt hätte.

Aufregung kann heilsam sein

Islandpferd Helgi galoppiert in Schräglage mit viel Energie und wehender Mähne auf die Kamera zu

Heute helfe ich einer anderen Reiterin beim Verladetraining mit ihrem Pferd.

 

Helgi guckt aus der Ferne zu und findet das offensichtlich sehr spannend: Ohren gespitzt, aufmerksame und recht angespannte Haltung. Nach einer Weile fängt er an, aufgeregt hin und her zu rennen.

 

Ich gehe mit ihm auf den Reitplatz und lasse ihn laufen. Er rast wie ein kleines Wildpferdchen los, erst im gestreckten Galopp, dann in hoch-weitem Trab, Schweif nach hinten weggestreckt, kräftige Trabschritte mit langen Flugphasen.

Von Lahmheit keine Spur.

 

Erst als sich die erste Aufregung legt und Helgi wieder ruhig genug ist um neben mir zu traben ist wieder zu merken, dass er links herum immer noch recht steif ist und sich nicht biegen möchte. Aber auch das ist deutlich besser als sonst.

 

Adrenalin ist offensichtlich ein Wundermittel!

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Tja … und wie geht’s jetzt weiter?

Freizeitpferd Helgi steht vor der Kamera, sein Kopf unaufmerksam zur Seite gedreht, seine Haltung strahlt Lustlosigkeit aus

Wie die drei Beispiele zeigen, ist das Bild sehr gemischt, das Helgi momentan zeigt. Wenn die Herausforderung groß genug ist, bewegt er sich deutlich besser als vor der Behandlung in der Klinik. Aber wir haben auch immer wieder Situationen, in denen er steif und unwillig ist und sich sehr unrund bewegt.

 

Dann stehe ich immer wieder vor der Frage, wo der Unwille herkommt und wie ich damit umgehen will.

 

Eine penetrante innere Stimme sagt mir, dass ich meinem Pferd Respekt beibringen muss, damit er ordentlich mitarbeitet.

 

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Helgi immer noch Schmerzen hat und das Recht braucht, bei Bedarf nein zu sagen wenn ich zu viel von ihm verlange.

 

Mein Verstand weiß, dass ich nicht beurteilen kann, ob Helgi Schmerzen hat oder einfach nur faul und frech ist.

Auf einer grünen Wiese läuft Helgi mit fröhlichem Blick und aufmerksamer Haltung auf die Kamera zu

Im Endeffekt ist es auch nicht wichtig, wo das Problem herkommt, sondern nur, wie ich damit umgehen kann. Helgi gegen seinen ausdrücklichen Willen zur Arbeit zu zwingen ist für mich keine Option.

 

Innere Stimme hin oder her, für mich wird Respekt nicht „beigebracht“, sondern verdient.

 

Ich bin keine Pferdeflüsterin, die ihr Pferd auf magische Art zur bereitwilligen Mitarbeit bringt. Ich bin auch keine perfekt ausgebildete Pferdefrau, die sich durchzusetzen weiß ohne beim Pferd Widerstand auszulösen.

 

Was ich bin ist eine ganz normale Freizeitreiterin, die ihre Grenzen kennt und im Laufe der Jahre gelernt hat, um diese Grenzen "herum zu arbeiten".   

 

Das läuft häufig darauf hinaus, dass ich Konflikte mit dem Pferd auflöse, indem ich das Thema wechsele statt zu eskalieren. Dass ich dem Pferd Kompromisse anbiete, die es von sich aus akzeptiert.

Helgi grast dicht neben seiner auf dem Boden sitzenden Reiterin, deren Reitstiefel auf dem Bild neben seinem Kopf zu sehen sind

Ich will also einen Weg finden, wie ich Helgi überzeugen kann von sich aus mitzuarbeiten. Ein paar Lösungsansätze hat mir Helgi in den letzten Wochen schon präsentiert, wie die obigen Beispiele zeigen.

 

Zu diesem Thema wird es in der nächsten Zeit bestimmt noch den einen oder anderen Blogpost geben.

 

Aber jetzt ist es erstmal an der Zeit, mir die positiven Momente vor Augen zu führen.

 

Die Momente, in denen ich nicht über Helgis Gesundheit oder Helgis Gehorsam nachdenke, sondern einfach nur seine Gesellschaft genieße, und merke dass er sich wohl fühlt. Die Situationen, in denen er meine Nähe sucht und wir gemeinsam zufrieden sind.

 

Dazu mehr im nächsten Blogpost.

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Die ursprüngliche Geschichte von Helgis Ausbildung mit vielen Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

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