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Zwischen Überredung und Zwang: Ein Wechselbad der Gefühle Teil 2

Wie sag ich's meinem Pony?

Oh je, Helgi muss dringend abspecken

Islandpferd Helgi, ein Fuchsschecke, steht im Abendlicht auf einem Sandplatz und guckt mit skeptischem Blick in Richtung Kamera

Im ersten Teil dieser Serie habe ich erzählt, wie Helgi plötzlich die Arbeit einstellte und ich versuchte, ihn zur freiwilligen Mitarbeit zu überreden. Dann kam mein Unfall, Helgi wurde fett, und mir wurde klar dass ich ihn trainieren musste ob er wollte oder nicht.

 

Da stehe ich jetzt also und muss mein Pferd überzeugen sich zu bewegen, auch wenn es ihm nicht gut geht und er am liebsten nur in einer Ecke des Reitplatzes rumstehen und mich vorwurfsvoll angucken möchte.

 

Mir tut das in der Seele weh.

 

Einerseits weiß ich, dass Helgi zu schwer ist und langsam zum Risikopatienten für Stoffwechselkrankheiten wie Hufrehe oder Equines Metabolisches Syndrom (EMS) wird. Wegen der Haltung in der Herde und auch wegen meines Verdachts, dass Helgi Magenprobleme hat ist eine Futterreduktion keine gute Option. Also muss er sich bewegen, und das viel.

 

Andererseits bin ich mir inzwischen sicher, dass etwas mit ihm nicht stimmt und er Schmerzen hat.

Dass Helgi ein Magenproblem halte ich für sehr wahrscheinlich. Der Tierarzt ist nicht hundertprozentig überzeugt, hält es aber auch für durchaus möglich. Wo er ganz sicher ist: Helgis Bewegungsproblem kann nicht vom Magen kommen.

Isländer Helgi latscht in gemütlichem Schritttempo auf die Kamera zu

Inzwischen ist dieses Bewegungsproblem deutlich und dauerhaft genug vorhanden, dass es jetzt auch auftritt, wenn der Tierarzt zuguckt. Diagnose: Helgi lahmt vorne links – aber nicht stark genug, dass eine diagnostische Anästhesie ein eindeutiges Ergebnis bringen könnte. Auf den Röntgenbildern von Huf, Fesselgelenk, Röhrbein/Griffelbeinen und Karpalgelenk ist kein Problem erkennbar.

 

Der Tierarzt empfiehlt normales Training

 

Helgi ist anderer Meinung. Wenn ich versuche, ihn auf dem Sandplatz zu reiten oder zu longieren, bleibt er stehen und weigert sich, auch nur einen Meter vorwärts zu gehen. Sanfte oder auch mal energische Aufforderungen zum Vorwärtsgehen ignoriert er einfach. Er steht wie ein störrischer Esel auf dem Platz und bewegt sich keinen Schritt.

 

Auch beim Freilaufen passiert das gelegentlich. Dann kommt er auf Aufforderung zwar im Schritt zu mir, aber auch das beste Leckerli überzeugt ihn nicht anzutraben oder gar zu galoppieren.

Leckerlitasche bei Loesdau
Leckerlitasche bei Loesdau

Ich gucke mir das an und bin hin und hergerissen.

 

Wieviel von Helgis Trotz ist Gewohnheit, weil ich ihm im letzten Jahr zu viel habe durchgehen lassen?

Wieviel kommt daher, dass er nicht ohne ernsthafte Schmerzen tun kann, was ich von ihm verlange?

Longe bei Equiva
Longe bei Equiva

Sigrid und Helgi gucken zusammen nach unten in die Kamera

Nicht nur der Tierarzt hält Helgi für arbeitsfähig.

Die behandelnde Physiotherapeutin, andere Reiter, und allen voran auch eine penetrante Stimme in meinem eigenen Kopf: Vieles sagt mir, dass mein Pferd bockig und faul ist und mich nicht ernst nimmt.

 

Mein Bauchgefühl ist vehement anderer Meinung.

Was also tun?

 

Helgi gegen seine aktive Gegenwehr zur Bewegung zu zwingen wäre selbst dann keine Alternative für mich, wenn ich dazu technisch überhaupt in der Lage wäre. Aus bitterer Erfahrung mit meinem ersten Pferd Sörli weiß ich aber auch, dass es nichts bringt, sich auf Biegen und brechen durchsetzen zu wollen.

 

Ein Mittelweg muss her. Ich versuche genug sanften Druck auszuüben, dass Helgi sich widerwillig bewegt, auch wenn er das lieber nicht möchte. Aber nicht so viel Druck, dass er sich drangsaliert fühlt und wir in einen ernsthaften Konflikt geraten.

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Faule (?) Kompromisse

Reiterin Sigrid und Islandpferd Helgi arbeiten auf einem Sandplatz: Sigrid treibt Helgi vorsichtig mit einer Gerte während er im Schritt am übergeschlagenen Zügel um sie herum läuft

Einfacher gesagt als getan. Wo ist die Grenze zwischen zu wenig Druck und zu viel?

 

Mit viel Geduld und gelegentlichem Frust auf beiden Seiten arbeiten wir uns an einen Kompromiss heran:

 

Es gibt Themen, bei denen ich Helgi solange zur Mitarbeit auffordere, bis er nachgibt. Zum Beispiel soll Helgi bei der Bodenarbeit im Schritt mitarbeiten, an der Longe um mich herum gehen und sich biegen, auch wenn ihm das sichtbar unangenehm ist. Am nächsten Tag geht es ihm dann immer deutlich besser, so dass ich mir hier sicher bin, dass diese Arbeit gut für Helgi ist.

 

Im Trab arbeiten wir an der Longe nur an solchen Tagen, an denen er sich scheinbar wohler fühlt und dazu bereit ist, zu laufen während ich in der Mitte stehen. Ansonsten laufe ich mit durchhängender Longe neben ihm her. Das ist nicht nur für Helgi angenehmer, sondern bringt auch mich nach meinem Unfall wieder in Form. Win win!

 

Allein im Gelände führe ich das erste Drittel des Wegs. Danach ist Helgi bereit, mich aufsteigen und die restlichen zwei Drittel reiten zu lassen. An guten Tagen lässt er sich dann auch einmal zu einem Trab oder Tölt motivieren. An weniger guten Tagen zeigt er einen halbherzigen Ansatz zur schnelleren Gangart und weigert sich dann, es noch einmal zu versuchen.

Zwischen Helgis Ohren hindurch fotografiert ist ein anderes Pferd mit Reiter zu sehen, der ein Stück weiter vorne zwischen zwei sommerlich grünen Büschen hindurch reitet

Wenn wir mit anderen Pferden unterwegs sind, gibt es diese Diskussionen nicht – dann ist Helgi motiviert genug, um mich von Anfang an zu tragen, und er läuft auch fröhlich (und ohne große Lahmheit) mit, wenn das andere Pferd vorneweg trabt oder töltetSelbst den einen oder anderen Galopp schaffen wir auf diese Weise.

 

Und da ist die innere Stimme wieder, die mir sagt, mein Pferd sei störrisch und faul: Wenn er motiviert genug ist, läuft er problemlos, da kann ja nicht ernsthaft etwas mit ihm stimmen?

 

Mein Bauchgefühl ist immer noch anderer Meinung.

 

Ich lese mich in das Zusammenspiel von Neurotransmittern im zentralen Nervensystem ein und finde heraus, dass es einen ganzen Cocktail von körpereigenen Schmerzhemmern gibt, über deren Zusammenspiel wir noch nicht viel wissen.

 

Hat Helgi vielleicht doch Schmerzen, und wenn er aufgeregt genug ist werden die Endorphine ausgeschüttet und er merkt die Schmerzen nicht mehr? Man weiß es nicht.

Helgi steht im tiefen Gras und frisst mit halb geschlossenen Augen, ohne den Kopf senken zu müssen

Wie dem auch sei:

Mit einer Mischung aus Überredung, sanftem Druck und vielen Ausritten mit anderen Pferden finden Helgi und ich einen Modus, bei dem er häufiger kooperativ als bockig ist. Er nimmt langsam ab und baut Muskeln auf, und über den Sommer läuft alles soweit gut.

 

Mein Mann und ich reiten viel zusammen aus, holen die Pferde auch einfach mal nur in den Garten als Rund-Rum-Wohlfühlprogramm. Auch auf dem Reitplatz ist Helgi wieder zur Mitarbeit bereit.

 

Aber im Herbst kommt mit dem feuchtkalten Wetter auch Helgis Antriebslosigkeit zurück. Mein Pferd wirkt depressiv, scheint wieder mehr Probleme mit dem Magen zu haben, und lahmt jetzt deutlich erkennbar und dauerhaft.

 

Ich spreche noch einmal mit dem Tierarzt, wie es jetzt mit Helgi weiter gehen soll. Das Gespräch läuft ungefähr so:

 

Tierarzt: "Bist du sicher, dass Helgi nicht einfach nur bockig ist?"

Ich: "Ja, er ist definitiv bockig."

Tierarzt:  (lacht)

Ich: "Die Frage ist nur, warum ist er bockig?"

Tierarzt: "Ja, da hast du Recht. Das ist eigentlich gar nicht seine Art, oder?"

 

Nein, das ist überhaupt nicht seine Art. Ich kenne Helgi als fröhliches, arbeitswilliges Pferd, das immer bereit ist, einen Gang zuzulegen. Das Pferd, das ich momentan täglich aus dem Stall hole, ist kaum wiederzuerkennen.

 

Der Tierarzt nickt und macht mir einen Termin in der Tierklinik. Ich will endlich Klarheit haben, ob ich mir das alles einbilde oder wirklich etwas mit Helgi nicht stimmt.

 

Wie es weiter geht erfahrt ihr im nächsten Blogpost der Serie.

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Die ursprüngliche Geschichte von Helgis Ausbildung mit vielen Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

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