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Ein unfreiwilliges Fangen-Spiel auf der Weide

Join-Up mit Sörli

Sörli entdeckt die Freiheit

Ein sehr schlanker, fuchsfarbener Isländer mit heller Mähne galoppiert über eine Weide

Sörli ist vor kurzem auf den Hof einer Freundin umgezogen, auf dem er durchgehend Weidegang hat.

 

Da er ein Leberproblem hat und daher deutlich zu dünn ist, ist das für ihn gerade richtig. Er ist auch entsprechend begeistert von seiner neuen Freiheit. Heute komme ich auf die Weide, um ihn zum Putzen und Satteln an den Stall zu holen. 

 

Mein Pferd hat andere Pläne: Er sieht mich mit dem Halfter kommen, macht kehrt und rennt auf und davon. Ich stapfe ihm durch das hohe Gras hinterher, aber sobald ich in Reichweite komme, läuft er wieder weg.

 

Ich bin frustriert. Wir hatten von Anfang an Schwierigkeiten im Umgang miteinander, aber dass er sich gar nicht mehr einfangen lasse will ist eine neue Eskalationsstufe.

Sigrid geht mit einem Halfter über der Schulter von Sörli weg, der im Hintergrund grast

Ich greife in die Trickkiste und hole einen Eimer mit Futter, den ich verführerisch schüttele, während ich auf Sörli zugehe.

 

Der spitzt zwar interessiert die Ohren, aber er hat mich durchschaut: Sobald ich versuche, ihn aufzuhalftern, legt er den Rückwärtsgang ein und rennt quer über die Weide bis zum Zaun auf der anderen Seite.

 

Ich laufe hinterher und versuche es noch einmal – nur um zusehen zu müssen, wie mein Pferd wieder zur anderen Seite der Weide galoppiert.

 

Inzwischen ist meine Stimmung so im Keller, dass es kein Wunder ist, dass der sensible Sörli jetzt erst recht vor mir wegrennt. Frustriert und besorgt, dass das Weglaufen zu einem Grundsatzproblem wird, gebe ich auf und fahre heim

Bällevorhang bei Loesdau
Bällevorhang bei Loesdau

Am nächsten Tag endet der Versuch Sörli aufzuhalftern wieder genauso: Mein Pferd rennt quer über die Weide vor mir weg. Diesmal bin ich darauf vorbereitet und reagiere mit mehr Gelassenheit: Ich treibe Sörli mit Hilfe einer Freundin auf ein eingezäuntes Stück Weide, das uns als Reit- und Longierplatz dient.

 

Auch dort will Sörli sich nicht aufhalftern lassen und läuft vor mir weg.

Heute habe ich einen Plan: Ich habe in der letzten Zeit viel über das Join-Up von Monty Roberts gelesen. Mal sehen, ob sich das für diese Situation anpassen lässt.

Poolnudel bei Loesdau
Poolnudel bei Loesdau

Isländer Sörli geht in entspannter Haltung auf die Kamera zu

Statt wie gestern vergeblich mit dem Halfter hinter meinem Pferd herzurennen, akzeptiere ich also seine Entscheidung wegzulaufen und treibe ihn von mir weg.

 

Er läuft auf dem kleinen Reitplatz im Trab um mich herum, offensichtlich aufgeregt und rebellisch. Seine Körperhaltung ist angespannt, der Kopf hoch erhoben, die Augen weit aufgerissen.

 

Nach ein paar Runden Trab wird das aber langsam besser. Der Kopf senkt sich ein wenig, und das Weiße in Sörlis Augen ist nicht mehr ganz so auffällig sichtbar.

Sigrid grinst den gelassen wirkenden Sörli an während sie ihn am Halfter führt

Handwechsel und andersherum laufen. Sörli entspannt sich ein bisschen mehr, und sein Ohr dreht sich zu mir. Seine Anspannung lässt sichtbar nach, der Kopf senkt sich ein Stück weiter. Noch ein paar Minuten Trab und ein Handwechsel, und siehe da: Mein Pferd trabt jetzt entspannt um mich herum. 

 

Ich höre auf zu treiben, und er fällt in den Schritt zurück. Nach zwei Runden Schritt hält er an, dreht sich zu mir. Ich zeige ihm das Halfter, was er gelassen zur Kenntnis nimmt. Auch als ich mit dem Halfter auf ihn zugehe, bleibt er stehen und wartet ab.

 

Ich kann ihr problemlos aufhalftern und zum Stall führen.

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Join-Up kann die Kommunikation erleichtern

Islandpferd Sörli, ein Fuchs mit Stern und Schnippe, steht auf der Weide und guckt aufmerksam in Richtung Kamera

Mit diesem einen Erfolg war das Problem natürlich nicht komplett gelöst. Sörli und ich haben das Join-Up noch oft geübt, bis er soweit war, dass er sich auf der Weide problemlos aufhalftern ließ.

 

Aber der erste Schritt war an diesem Tag getan. Ich gab ihm eine Portion Kraftfutter und entließ ihn wieder auf die Weide, wo er zufrieden graste und mich auch wieder mit dem Halfter an sich heran ließ.

 

Über die nächsten Wochen übten wir immer wieder das Aufhalftern auf der Weide. Wenn Sörli weglief trieb ich ihn von mir weg bis er sich entspannte und mich an sich heran ließ.

 

Manchmal gab es dafür einen Eimer Futter, manchmal nahm ich das Halfter auch gleich wieder ab und Sörli durfte auf der Weide bleiben. Manchmal nahm ich ihn mit zum Putzplatz und sattelte ihn für eine Reiteinheit.

Sigrid und Sörli als Team auf einem Turnier: Sörli geht entspannt Schritt auf einer Ovalbahn

Mein sensibler und oft hypernervöser Sörli wurde immer gelassener im Umgang – nicht nur beim Aufhalftern, sondern auch bei der Arbeit am Boden und unter dem Sattel. Wir hatten eine Möglichkeit der Kommunikation gefunden, die er verstand.

 

Im Nachhinein gesehen ist es klar: Unsere jahrelangen Schwierigkeiten miteinander lagen oft daran, dass Sörli überfordert und verwirrt war. Er war nicht dumm, aber wenn er nicht genug Zeit zum Nachdenken bekam, neigte er zur Panik und hörte nicht mehr zu.

 

Das Weglaufen-Dürfen beim Join-Up gab ihm die Möglichkeit, seine Nervosität in Bewegung umzusetzen, ohne dass er dabei noch mehr unter Stress geriet. Damit gewann er die Zeit die er brauchte, um zu verstehen was ich von ihm wollte und sich mental darauf einzustellen. 

 

Das war anfangs das Aufhalftern. Später nutzte ich diese Übung aber auch, um andere Lektionen mit ihm zu üben, angefangen vom freien Folgen bis hin zu kleinen Dressurlektionen mit dem freien Pferd, zum Beispiel Schenkelweichen oder Schulter-Herein.

 

 

Das wiederum half mir, ihm diese Übungen unter dem Sattel besser verständlich zu machen. 

 

Sigrid steht mit ihrem Isländer Sörli auf einer Weide. Sörli steht frei vor ihr

Nach Jahren des Konflikts mit einem scheinbar uneinsichtigen Durchgänger, mit dem ich nur gelegentlich einmal zweisame Momente erlegen durfte, wuchsen Sörli und ich langsam aber sicher zu einem Team zusammen.

 

In den Jahren, die seit der ersten Veröffentlichung des Join-Up Prinzips vergangen sind, ist diese Trainingsmethode stark unter Beschuss geraten, teilweise zu Recht. Schon damals, als der Film "Der Pferdeflüsterer" in aller Munde war, sagte mir eine Trainerin:

 

Natürlich kann ich mein Pferd so lange hetzen bis es erschöpft aufgibt. Das hat mit "Horsemanship" nichts zu tun. 

Ein Portrait von Sörli, der verträumt in die Ferne guckt, ein anderer Isländer neben ihm

Leider kann es allzu schnell auf ein reines "Aufgeben" des Pferdes hinauslaufen, wenn die Kommunikation zwischen Pferd und Reiter nicht stimmt.

 

Sind die Signale des Pferdes für den Reiter deutlich genug lesbar, dass er lange genug treibt, bis das Pferd sich beruhigt hat und Kooperationsbereitschaft signalisiert? Hört der Reiter rechtzeitig mit Treiben auf, dass das Pferd sich nicht wieder von neuem aufregt? Das ist nicht mit jedem Pferd so einfach, wie es sich mit Sörli erwies.

 

Und auch nicht jedes Pferd reagiert genauso gut auf die Technik, wie Sörli das tat. Bei ihm hatte ich den Eindruck, dass es eine Erleichterung für ihn war, das Weglaufen als Alternative zu haben. Andere Pferde, mit denen ich das Join-Up versucht habe, haben bei Weitem nicht so positiv darauf reagiert wie Sörli.

 

 

Wie bei so vielen Dingen gilt also auch hier: Maß halten und vorsichtig experimentieren. Wenn das Pferd sich beim Join-Up sichtbar entspannt, mag dies genau die richtige Übung sein. Wenn es sich aber aufregt und verängstigt oder trotzig reagiert, ist es besser, nach einer Alternative zu suchen, mit der das Pferd besser zurechtkommt. 

Hast du auch Erfahrungen mit Join-Up oder anderen Natural Horsemanship Ansätzen?

 

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Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Übungen wie das Join-Up, Dressurlektionen in Freiarbeit und viele Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

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