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Lösende Übungen: Schulterkontrolle und Tempo verstärken

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Dies ist ein Ausschnitt aus meinem Buch Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen am 30. April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag

 

Vielen Dank an den Verlag, dass ich den Text hier verwenden darf!

 

Ich habe einige Formulierungen leicht angepasst, um den Ausschnitt als alleinstehenden Text im Blog verständlich zu gestalten. 

Anmerkungen, die im Originaltext nicht vorhanden sind, sind in Kursivschrift gehalten.

Helgis Jungpferdetagebuch gibt es beim Müller Rüschlikon Verlag
Müller Rüschlikon Verlag

Mein Pferd läuft nicht taktklar: Was tun?

Islandpferdetrainerin Johanna Tryggvason steht mit dem Rücken zur Kamera und zeigt mit der Hand Vorwärts-Abwärts. Im Hintergrund reitet Sigrid auf Helgi, der mit langem Hals entspannt vorwärts-abwärts geht

Im letzten Blogpost gab es einen Ausschnitt aus Helgis Jungpferdetagebuch, in dem Helgi sehr spannig und im Tölt auch passig lief. Ich hatte an diesem Tag mehrere Lösungsansätze probiert, die nicht zum Ziel führten.

 

In einer derartigen Situation kann es helfen, das Pferd zu biegen, vorwärts-abwärts zu reiten, oder auch mit Seitengängen/Schenkelweichen zu arbeiten, was ich an dem besagten Tag auch versucht hatte – leider vergeblich.

 

In der Zeit nach diesem für mich recht frustrierenden Tag zeigte meine Trainerin Johanna Tryggvason mir noch zwei weitere Übungen, die Helgi und mich deutlich voran brachten: Die Schulterkontrolle und das Tempo verstärken, die beide lösend wirken und den Takt korrigieren können.

 

Hier sind die beiden Übungen, wie sie im Buch beschrieben sind.

Schulterkontrolle vom Sattel aus

Sigrid reitet Helgi, der nach links gestellt ist und mit dem linken Vorderbein vor das rechte Vorderbein kreuzt. Die Vorhand läuft um die Hinterhand herum

Um Helgi nicht zum Rückwärts-Denken zu verleiten, ließ Johanna mich die Schulterkontrolle vom Sattel aus anfangs vor allem in Bewegung trainieren, bevor wir dieselbe Übung dann auch im Stand angingen. Bei dieser Übung fand ich es besonders hilfreich, dass Helgi die von der Hinterhand unabhängige Bewegung der Schulter vom Boden aus schon geübt und verstanden hatte.

 

(Grundsätzlich können die meisten gerittenen Übungen auch vom Boden aus vorbereitet und/oder verfeinert werden. Die Grundlagen dieser Arbeit gibt es hier nachzulesen.)

 

Um Missverständnisse zu vermeiden, ist es hier besonders wichtig, dass das Pferd gut vorbereitet wird und in Balance ist, bevor die eigentliche Übung eingeleitet wird. Johanna ließ Helgi und mich in Außenstellung starten. Sobald Helgi im Genick nachgab und im Gleichgewicht lief, sollte ich seine Schulter durch Führen beider Hände in Stellungsrichtung nach außen einen Schritt in Richtung Bahninneres machen lassen. 

 

Ein leichtes Austreten des äußeren Steigbügels kann dabei helfen. Der Schenkel treibt am Sattelgurt, und die Gerte kann unterstützend an der Schulter angelegt werden.

Islandtrense bei Loesdau
Islandtrense bei Loesdau

Als Helgi das gelernt hatte, bauten wir die Übung aus und fragten mehrere Seitwärts-Schritte der Schulter ab.

 

Sehr wichtig ist hier, dass das Pferd nicht über die Schulter wegläuft und auf die Vorhand gerät. Daher ließ Johanna mich im Zweifelsfall lieber einen Schritt weniger abfragen und Helgi schnell wieder geraderichten. So kam er erst gar nicht aus dem Gleichgewicht und musste nicht über die Schulter weglaufen, um sich wieder zu fangen. 

Islandzügel bei Loesdau
Islandzügel bei Loesdau

Sigrid reitet Helgi, der nach links gestellt ist und mit dem rechten Vorderbein vor das linke Vorderbein kreuzt: Die Vorhand läuft in Stellungsrichtung um die Hinterhand herum

Diese Übung kam in Laufe von Helgis Ausbildung oft zum Einsatz. Wenn das Pferd soweit ist, dass der Reiter die Schulter mit minimalen Hilfen lösen und bewegen kann, soll als Fernziel (erst nach dem ersten Ausbildungsjahr) erreicht werden, dass das Lösen der Schulter auch ohne Seitwärtsschritt erfolgen kann. Damit wird in Tölt und Trab der Takt verbessert und ein lockeres Ausgreifen der Vorhand mit hoch-weiten Bewegungen ermöglicht. 

 

Wie oben erwähnt, arbeitet Johanna bei der Schulterkontrolle vom Sattel aus anfangs in Außenstellung, weil es so häufig leichter ist, dem Pferd die gewünschte Bewegung der Schulter zu erklären.

 

Das Pferd lernt durch diese Übung, die Kontrolle des äußeren Zügels über die Bewegung der Schulter zu verstehen. Wenn es dies einmal gelernt hat, kann der Reiter die Schulter mit dem äußeren Zügel begrenzen, um etwa ein "weglaufen" über die äußere Schulter zu verhindern. Im nächsten Schritt wird die Schulter bei dem geradegerichteten Pferd bewegt, und später auch in Innenstellung

Die Schulterkontrolle im Schritt und später auch im Tölt und Trab ist für mich auch heute noch ein sehr wichtiges Hilfsmittel, um Helgi zu lösen. Häufig hilft schon eine kleine Seitwärtsbewegung der Schulter, Helgi zumindest für ein paar Schritte ins Gleichgewicht zu bringen. 

 

Wie alle Übungen mit dem Pferd ist aber auch das kein Allheilmittel. Manchmal macht Helgi sich während der Übung zu kurz und verliert den Schwung. Dann ist die nächste Übung oft hilfreich: Das Tempo-Verstärken.

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Tempo verstärken und flüssig vorwärts reiten

Sigrid reitet Helgi im Schritte-Verkürzen: Helgi tritt mit den Hinterbeinen weit unter den Schwerpunkt, so dass die Hinterhand fast das komplette Gewicht aufnimmt.

Tempounterschiede sind ein wichtiger Bestandteil der Kontrolle über Richtung und Tempo (hierzu wird es bald einen eigenen Blogartikel geben). Das Pferd soll nicht nur die verwahrenden Hilfen jederzeit annehmen, sondern auch bereitwillig auf die treibenden Hilfen reagieren und sich flüssig vorwärts reiten lassen. 

 

Anfangs geht es bei dieser Übung haupt­sächlich darum, im Tölt, Trab oder Galopp im langsamen Tempo Energie aufzubauen und im höheren Tempo wieder "herauszulassen"

 

Das Tempo-Verstärken kann in der Halle oder auf dem Reitplatz trainiert werden, indem an den kurzen Seiten im langsamen Tempo durch Schritte-Verkürzen (siehe Bild) oder Seitengänge auf der gebogenen Linie die Hinterhand aktiviert wird. Zu Beginn der langen Seite wird das Pferd geradegerichtet und im fleißigen Tempo vorwärts geritten.

Sigrid und ihr gescheckter Isländer Helgi galoppieren im flotten Tempo auf die Kamera zu

Zu Anfang von Helgis Ausbildung sollte ich mit der Hand noch deutlich nachgeben, damit Helgi verstand, dass er im Tempo zulegen durfte.

 

Als Helgi im weiteren Verlauf der Ausbildung das Zusammenspiel der treibenden und verwahrenden Hilfen gut verstand, ließ mich Johanna die im langsamen Tempo aufgebaute Energie auch in das höhere Tempo mitnehmen.

 

Dazu durfte ich beim Zulegen nicht mehr weit mit der Hand vorgehen, sondern sollte weich bei Helgi bleiben und ihn daran erinnern, am Zügel zu gehen und sich selbst zu tragen. Dadurch schwingen Schulter und Rücken locker mit, und die Bewegungen werden ausgreifender.

Sigrid reitet Helgi im Tölt auf der Ovalbahn

Wie oben schon erwähnt leisten mir die beiden obigen Übungen auch heute noch immer wieder gute Dienste.

 

Was hier in dem einzelnen Blog Post nicht unmittelbar erwähnt wird, aber im Gesamtzusammenhang wichtig ist: Die beiden Übungen hier im Post sind lösende Übungen. Sie dienen dazu, ein angespanntes, verhalten laufendes Pferd dazu zu bewegen, loszulassen und lockerer zu laufen.

 

Idealerweise sollten im täglichen Training lösende Übungen in Kombination mit versammelnden Übungen eingesetzt werden. Johanna nennt das "das Spiel mit dem Gleichgewicht": Mit dem Wechsel zwischen positiver Spannung und Entspannung erreicht sie, ein Gleichgewicht genau dazwischen die positive Energie und Losgelassenheit zu finden, die dafür sorgt, dass Pferd und Reiter gemeinsam über den Reitplatz oder die Ovalbahn "fliegen" können.

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Viele weitere Übungen und gute Tipps von Johanna zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

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