· 

Mein Pferd will nicht mehr Hänger fahren: Ein Wechselbad der Gefühle Teil 4

Helgi probt den Aufstand

Es geht nochmal in die Klinik

Ein PKW mit einem kleinen Pferdeanhänger steht auf einem Parkplatz, bereit zur Abfahrt

Wie im letzten Blogpost erwähnt müssen wir noch einmal mit Helgi in die Klinik fahren, um die Behandlung seiner Halswirbelsäule zu wiederholen. Dieser Blogpost sollte der letzte der Serie „Ein Wechselbad der Gefühle“ sein. Schließlich war die Fahrt in die Klinik ja nur eine Wiederholung des ersten Besuchs vor einigen Wochen, und daher nicht der Rede wert.

 

Dachte ich.

 

Glücklicherweise war der Klinikbesuch selbst auch genau so routinemäßig wie ich erwartet hatte. Der Klinikarzt war zufrieden mit Helgis Entwicklung.

 

Was leider gar nicht routinemäßig ablief, war das Einsteigen in den Hänger.

 

Bei der letzten Fahrt in die Klinik hatte Helgi sich offensichtlich an das Hänger-Training erinnert, das wir vor Jahren mit ihm gemacht hatten. Er schien geradezu begeistert und stieg ohne Zögern ein.

Auf der Rückfahrt war er nicht mehr ganz so begeistert – die Hinfahrt in die Klinik hatte deutlich über zwei Stunden gedauert, und er war patschnass geschwitzt als wir endlich dort ankamen.

 

Trotzdem stieg Helgi brav ein, wenn auch zögerlich und nur nach einer freundlichen aber bestimmten Aufforderung.

Islandpferd Helgi steht angebunden an einer Stange und guckt leicht irritiert in die Kamera

Am Abfahrtstag dieses Mal bin ich also guter Dinge, dass Helgi wieder einsteigen wird.

 

Weit gefehlt!

 

Helgi ist schon nervös als ich ihn aus dem Stall hole. Er geht zwar zögerlich in den Hänger, aber sobald er merkt dass mein Mann die Stange hinter ihm festmachen will, legt er panisch den Rückwärtsgang ein. Bevor ich reagieren kann ist Helgi wieder ausgestiegen.

 

Ohje, jetzt haben wir den Salat.

 

Aber weiter im Text: Eine Volte laufen, Helgi gerade auf den Hänger ausrichten, und zuversichtlich auf die Rampe führen. Er kommt brav mit, läuft die Rampe hoch … und bleibt wie angewurzelt darauf stehen. Bis hier hin und keinen Schritt weiter, sagt sein Gesichtsausdruck. Ich fordere ihn zum Vorwärtsgehen auf, erst freundlich, dann bestimmt. Helgi lehnt sich zurück, alle vier Hufe fest auf der Rampe verankert.

 

Locken mit dem Futtereimer sorgt dafür, dass Helgis Hals länger und länger wird, aber die Beine bewegen sich nicht. Mein Mann schubst von hinten, und Helgi macht einen Schritt vorwärts und dann drei Schritte zurück bevor er die Hufe im Boden verankert und wieder zur Salzsäule erstarrt.

Leckerlitasche bei Loesdau
Leckerlitasche bei Loesdau

Da stehe ich nun, und gucke mein störrisches Pony ratlos an.

 

Wenn wir keinen Termin in der Klinik hätten, würde ich jetzt so lange mit ihm üben, bis er einmal in den Hänger einsteigt, und ihn dann sofort wieder aussteigen lassen und in den Stall zurück bringen.

Die Option haben wir heute nicht. Spätestens in einer Stunde müssen wir losfahren, wenn wir noch zu den normalen Öffnungszeiten in der Klinik ankommen wollen.

Transportgamaschen bei Loesdau
Transportgamaschen bei Loesdau

Ein PKW mit Pferdeanhänger, bereit zum Verladen

Wir versuchen es also nochmal ... und nochmal. Mit demselben Ergebnis: Helgi geht auf die Rampe, aber nicht in den Hänger. Eine Freundin bietet Hilfe an, treibt vorsichtig von hinten. Da geht Helgi rückwärts statt vorwärts.

 

Zu allem Überfluss regnet es in Strömen. Bald sind alle Beteiligten nass bis auf die Haut.

 

Wir lassen uns nicht aus der Ruhe bringen und versuchen es mit Bestechung, mit sanftem Druck, dann mit mehr Druck. Helgi zittert vor Aufregung und weigert sich, auch nur einen Fuß in den Hänger zu setzen.

 

Im Endeffekt müssen wir ihn mit Hilfe unseres (sehr großen und starken) Stallbetreibers von vorne ziehen und von hinten schieben bis Helgi im Hänger steht und wir schnell die Stange hinter ihm fest machen und losfahren können.

Möchtest du meinen Blog unterstützen? Dann klick doch gerne auf eins der Banner unten, wenn du einen Einkauf bei Thalia, Loesdau, Equiva oder Fressnapf planst!


Irgendwie müssen wir wieder heim kommen

Helgi, ein Fuchsschecke mit Schnippe und Stern, steht an einem Heuhaufen und kaut

Nach einer langen Fahrt mit viel Stop and Go in der Klinik angekommen ist das arme Pony völlig durchgeschwitzt und sichtlich mitgenommen. Heute Abend ist zum Glück keine Untersuchung mehr geplant, so dass wir ihn nach einer Viertelstunde Beruhigungs-Spaziergang in seine Box in der Klinik bringen können, wo er sich sofort über sein Heu hermacht.

 

Als ich am nächsten Tag in die Klink komme finde ein sehr aufgeregtes Pony vor. Er hat noch den Maulkorb an, den er nach der Behandlung tragen musste während er aus der Sedierung aufwachte. In seiner Box liegt noch eine ordentliche Portion Heu, aber nachdem der Maulkorb ab ist, will Helgi nur raus aus der Box. Das Heu würdigt er keines Blickes – sehr ungewöhnlich für mein sonst so verfressenes Pferd.

 

Ich gehe mit Helgi auf und ab während mein Mann den Hänger anhängt. Mein Pony tänzelt und wiehert, zittert vor Aufregung.

 

Das lässt nichts Gutes erwarten für das Verladen gleich… 

 

Und wirklich: Heute weigert Helgi sich kategorisch, auch nur auf die Rampe zu steigen. Die Vorderhufe setzt er noch drauf, dann steht er wie angewurzelt und weigert sich, auch nur einen Schritt weiter zu gehen. Locken hilft nicht, und wenn wir versuchen von hinten zu treiben, legt er den Rückwärtsgang ein. Als wir den Druck steigern fängt er an zu steigen und springt seitlich von der Rampe.  

Helgi steht vor einer Begrenzung und guckt seitlich in die Kamera

Eine Angestellte der Klinik bietet ihre Hilfe an. Ein paar Minuten später noch eine zweite. Aber auch zu viert bekommen wir Helgi nicht überzeugt in den Hänger einzusteigen. Weder Druck noch Bestechung hilft, und Helgi wird immer aufgeregter.

 

„Der ist zu dominant“, sagt eine der Klinik-Angestellten.

„Der ist zu frech“, will sie damit wohl sagen, und das nicht zu unrecht. Helgi nimmt keinerlei Rücksicht auf meinen persönlichen Bereich, drängelt mich über die Schulter ab, vom Hänger weg.

 

Man müsse das in Ruhe zu Hause üben, bekomme ich erklärt.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Leider hatten wir seit gestern keine Gelegenheit zum Üben ...

 

Jetzt sieht sich die Klinik-Angestellte Helgi genauer an und sieht wie er vor Aufregung zittert. Sie holt eine Tierärztin zu Hilfe und Helgi wird sediert. Das ist die zweite Sedierung innerhalb weniger Stunden, aber was hilft es?

 

Das arme Tier muss in den Hänger. Ich führe den benommenen Helgi auf die Rampe … und der verankert alle vier Hufe und weigert sich selbst im Halbschlaf, in den Hänger einzusteigen. Mit vereinten Kräften ziehen und heben mein Mann, die Tierärztin und ich ihn schließlich hinein.

Helgi galoppiert über den Reitplatz um seine Anspannung loszuwerden

Die Heimfahrt ist staugeplagt und sehr lang, selbst für uns Zweibeiner im gemütlichen Auto. Hinter uns poltert es immer wieder im Hänger. Helgi ist nicht glücklich und macht das auch deutlich.

 

Endlich zu Hause angekommen steigt er trotzdem kontrolliert und vernünftig aus dem Hänger aus und lässt sich zum Reitplatz führen, wo zum Glück momentan niemand reitet.

 

Ich nehme ihm das Halfter ab damit er nach Herzenslust rennen kann. Das tut er dann auch, und zwar ausgiebig. Erfreulicherweise läuft er fast lahmfrei und sehr schwungvoll. Die zweite Behandlung scheint sich also schon jetzt gelohnt zu haben.

 

Nach zehn Minuten rennen und einer Viertelstunde im Schritt auf und ab gehen wirkt Helgi nicht mehr ganz so wie ein kleines Pulverfässchen und wir lassen ihn in den Laufstall zu seiner Herde.

 

Er zittert immer noch, und ich befürchte, dass die beiden Sedierungen und die lange Hängerfahrt eine Kolik verursachen könnten. Aber als ich anderthalb Stunden später nochmal in den Stall fahre um nach ihm zu sehen wirkt Helgi zwar immer noch fahrig, frisst aber normal und zittert nicht mehr. Nochmal zwei Stunden später sieht unser Stallbetreiber nach ihm und berichtet, dass Helgi jetzt ruhig ist und gemütlich Heu kaut.

Mit unschuldigem Blick streckt Isländer Helgi seine Nase in Richtung Kamera

Das ungewollte Abenteuer ist also überstanden. Was für ein Tag.

 

Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob mein Pferd respektlos und frech ist. Hätte das heutige Problem vermieden werden können, wenn ich eine bessere Pferdefrau wäre und mein Pferd meine Autorität besser akzeptieren würde?

 

Nicht zum ersten Mal sage ich mir, dass die Frage irrelevant ist. Ich bin die Pferdefrau die ich bin, und „was wäre wenn“ löst mein Problem nicht.

 

Ich kann (und will) mein Pferd nicht zwingen in den Hänger zu steigen.

 

Was ich tun kann, ist ruhig und ohne Selbstvorwürfe oder Ärger auf Helgi mit ihm zu trainieren, meinen persönlichen Bereich zu respektieren. Und dann das Hängertraining noch einmal von vorne anfangen.

 

Nur wenn ich selbst nicht nur die nötige Geduld sondern auch das nötige Selbstbewusstsein für dieses Training aufbringen kann, kann ich schließlich von Helgi erwarten, dass er kooperativ mitarbeitet. 

 

Ich werde berichten, wie es weitergeht ...  

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason. Das Cover zeigt Sigrid und Helgi im lockeren Tölt auf der Ovalbahn. Oben links ist Johanna Tryggvason mit ihrem Pferd Fönix auf der Islandpferdemeisterschaft zu sehen

Die ursprüngliche Geschichte von Helgis Ausbildung mit vielen Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.

Hat dir dieser Post gefallen und du willst den nächsten nicht verpassen? Dann folge mir doch gerne auf Instagram, Mastodon oder Bluesky!


Hast du ähnliche Erlebnisse zu erzählen? Eigene Gedanken zum Thema?

Hinterlasse gerne einen Kommentar!

 

Hier sind die Spielregeln, nach denen ich diesen Blog moderiere.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0