Einmal das Pferd auf den Kopf stellen bitte
Jetzt will ich es genau wissen: Was stimmt mit Helgi nicht?
In den letzten beiden Blogposts habe ich erzählt wie Helgi plötzlich die Arbeit einstellte und störrisch wurde. Ich versuchte erst, ihn zur freiwilligen Mitarbeit zu überreden, was auch durchaus Erfolge zeigte.
Leider hatte ich dann aber einen Reitunfall und fiel für längere Zeit aus. Danach war Helgi so fett geworden, dass ich einen Weg finden musste, ihn auch gegen seinen Willen dazu zu bringen, sich zu bewegen. Im Laufe der Zeit arbeiteten wir einige Kompromisse heraus, die auch anfingen, Wirkung zu zeigen.
Dann kam das nass-kalte Wetter im Herbst, und mit ihm eine deutliche Verschlechterung von Helgis Zustand. Jetzt war zumindest mir eindeutig klar, dass etwas mit Helgi nicht stimmte. Der Tierarzt war skeptisch, machte uns aber trotzdem einen Termin in der Tierklinik.
Da fahren wir also mit unserem kleinen Pferdehänger quer durch das sonnengebadete Münsterland, um Helgi in der Klinik abzuliefern.
Eine Magenspiegelung wollen wir machen lassen, um sicher zu sein, ob die seit zwei Monaten laufende Behandlung mit einem Magenschoner weiterhin sinnvoll ist. Und der orthopädische Experte der Tierklinik wird der undefinierten Lahmheit auf den Grund zu gehen, die Helgi nun schon seit fast zwei Jahren plagt.
Ich will endlich Gewissheit haben, ob Helgi ein körperliches Problem hat oder ob er einfach nur schlecht trainiert, steif und bockig ist. Letzteres, so sagt mir eine penetrante innere Stimme, ist nur allzu wahrscheinlich. Schließlich bin ich Freizeitreiter und mache im Umgang mit meinen Pferden immer wieder Fehler. Nutzt Helgi das aus und trickst mich einfach nur aus?
Der Klinikbesuch soll die Frage klären.
Das Vortraben in der Klinik geht dann erstmal genauso los, wie es bei den Tierarztbesuchen zu Hause so oft lief: Helgi ist aufgeregt und will anfangs nur tölten, und als er dann trabt sind die Schritte kurz und angespannt. Von Lahmheit keine Spur, die Beugeprobe bringt kein Ergebnis.
Helgi und ich traben auf und ab, auf und ab auf der Geraden.
Dann in einem hübschen, mit Bäumen eingegrenzten Rondell nochmal auf beiden Händen im Kreis.
Helgi läuft taktklar.
Ich befürchte schon fast, dass wir ohne Ergebnis wieder heim fahren werden, aber der Klinikarzt ist hartnäckig.
Wenn an der Hand keine Lahmheit zu sehen ist, dann versuchen wir es eben anders: Es wird eine Longe besorgt und wir gehen in eine Reithalle, wo ich Helgi nochmal eine Viertelstunde auf beiden Händen longiere.
Mein Pony beruhigt sich so langsam, und siehe da – die Lahmheit ist auf einmal eindeutig erkennbar.
Jetzt steht die Ursachenforschung an: Röntgenbilder, Ultraschalluntersuchungen und eventuell mehr. Helgi zieht also in eine Box in der Klinik, und mein Mann und ich fahren wieder heim. Der Klinikarzt verspricht abends anzurufen und zu berichten, was sich im Laufe des Tages herausgestellt hat.
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Jede Menge Untersuchungen und einige Ergebnisse
Es folgt eine ganze Woche von vielen Untersuchungen und all-abendlichen Telefonaten mit dem Klinikarzt.
Das Ergebnis der Magenspiegelung ist schnell da: Helgi hat trotz der seit 2 Monaten laufenden Behandlung mit einem Magenschoner immer noch eine Magenschleimhaut-Entzündung, aber zum Glück keine Magengeschwüre. Er bekommt zusätzliche Magenmedikamente, die er für die nächsten 6 Wochen nehmen muss.
Die Lahmheit ist in der Klinik zuverlässig nachstellbar, was schon mal eine wichtige Information ist: Helgi hat tatsächlich ein körperliches Problem. Was genau dieses Problem ist, zeigt sich in der Klinik aber genauso schwer fassbar wie bei den Untersuchungen durch unseren Tierarzt zu Hause.
Nach und nach schließt der Tierarzt in der Klinik alle Gelenke im linken Vorderbein als Ursache aus – das Bein ist tipptopp in Ordnung.
Der Klinikarzt klingt von Abend zu Abend ratloser, wenn er anruft und vom Ergebnis des Tages erzählt. Als mögliche Ursache bleibt nur noch die Halswirbelsäule, was unser heimatlicher Tierarzt auch schon vermutet hatte. Die Röntgenbilder der Halswirbelsäule zeigen einige kleine Auffälligkeiten, die aber als Ursache für die Lahmheit ausgeschlossen werden können.
Die Ultraschall-Untersuchung, die der Klinikarzt mit dem wachen Helgi macht, ergibt kein eindeutiges Ergebnis.
Nach dem Ausschlussprinzip will der Klinikarzt die Halswirbelsäule trotzdem entzündungshemmend behandeln, und ich stimme zu. Helgi wird sediert und bekommt unter Ultraschall-Beobachtung Kortison direkt an die Wirbel gespritzt.
Und dabei wird dann wirklich eine wassergefüllte Stelle am letzten Halswirbel sichtbar: Eine Entzündung an der Stelle, an der der Nerv des linken Vorderbeins verläuft. Vermutlich drückt diese Wasserfüllung auf den Nerv und bereitet Helgi Schmerzen, die die Lahmheit verursachen.
Wir holen Helgi wieder ab mit dem Auftrag, ihn zu beobachten und herauszufinden ob die Behandlung eine deutliche Besserung bringt. Wenn ja muss die vermutlich noch mindestens einmal wiederholt werden, um die Lahmheit ganz in den Griff zu bekommen.
Und wirklich, über die nächsten Wochen wird aus meinem schlecht gelaunten, bockigen Pony langsam aber sicher wieder ein Pferd, das auch mal Freude an der Bewegung hat.
Er lahmt immer noch, manchmal kaum merklich, manchmal deutlich erkennbar. Er hat auch immer noch Tage, an denen er schlecht gelaunt und bissig ist und sich nicht bewegen will. Aber diese Tage werden weniger, und meistens ist er jetzt zumindest am Boden wieder zur Mitarbeit bereit.
Nächste Woche fahren wir noch einmal in die Klinik und lassen die Behandlung der Wirbelsäule wiederholen. Danach kann unser Tierarzt hoffentlich mit einer generellen Kortison-Behandlung weitermachen und uns eine dritte Fahrt in die Klinik ersparen.
Ich bin extrem erleichtert, und das gleich in mehrfacher Hinsicht:
- Ich weiß jetzt, dass mein Bauchgefühl richtig war, dass etwas mit Helgi nicht stimmt und ich ihn nicht zur Mitarbeit zwingen sollte.
- Ich weiß auch, dass das Problem zwar langwierig aber lösbar ist. Endlich bin ich keine hilflose Zuschauerin mehr, sondern kann etwas tun, um Helgi zu helfen.
- Und ich weiß, dass auch die Schwierigkeiten, die Helgi und ich nach der langen für uns beide frustrierenden Zeit seiner undefinierten Problem auch jetzt noch manchmal miteinander haben, mit Geduld und gegenseitigem Verständnis aufgearbeitet werden können.
Vielleicht gibt es in den nächsten Wochen einen „Lessons Learned“ Blogpost zu diesem Thema. Genug zu erzählen gäbe es.
Die ursprüngliche Geschichte von Helgis Ausbildung mit vielen Tipps zur täglichen Arbeit mit dem eigenen Pferd gibt es in Helgis Jungpferdetagebuch, erschienen im April 2024 beim Müller Rüschlikon Verlag.
Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.
Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer.
Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.
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