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Der Ausbrecher

Skarpurs Spaziergänge

Skarpur, ein weißes Islandpferd, steht auf einem Sandplatz und guckt mich an. Hier war er noch nicht verletzt

Ein Anruf am Morgen

Der erste Tag zurück am Arbeitsplatz nach drei Wochen Urlaub. Ich bin seit einer Stunde dabei, meine aufgelaufenen Emails durchzugehen, und es ist noch kein Ende absehbar.

Das Telefon klingelt, eine Mit-Einstellerin aus dem Stall. Oh je, so ein unerwarteter Anruf ist selten gut... Und wirklich:

 

"Sigrid, ist dir bekannt, dass Skarpur lahmt?"

 

Nein, ist es nicht. Das Video, das die Freundin mit netterweise schickt, sieht gar nicht gut aus. Wie gut, dass ich im Homeoffice bin! Ich muss noch an einer kurzen Besprechung teilnehmen, dann melde mich in der Firma ab, setze mich ins Auto und fahre die paar Minuten zum Stall.

 

Leider lahmt Skarpur immer noch stark, es war also kein kurzer Anflug, sondern ist etwas ernstes. Ich rufe den Tierarzt an, der verspricht, nachmittags vorbei zu kommen.


Diagnose: Nicht gut, aber nix gebrochen

Als wir nachmittags in den Stall kommen, geht es dem armen Skarpur offensichtlich nicht gut. Mein Mann holt ihn von der Weide und muss immer wieder stehen bleiben, weil der hinkende Skarpur eine Erholungspause braucht. Das Lahmen ist gegenüber morgens noch deutlich schlimmer geworden.

 

Der Tierarzt stellt dann fest, das das arme Pferd auch noch Fieber hat. Das Bein ist ordentlich geschwollen, und wird im Laufe der langen Untersuchung immer dicker. Auf den Röntgenbildern ist zum Glück nichts auffällig. Eine Verletzung der Haut ist auch nicht erkennbar, aber das Fieber und die starke Schwellung deuten darauf hin, dass eine bakterielle Entzündung im Spiel ist.

Ein weißes Pferd steht mit halb geschlossenen Augen da und lässt den Kopf hängen. Unser armer Schimmel hatte Fieber

Skarpur bekommt ein Antibiotikum und einen Entzündungshemmer und wird im 50 Meter entfernten Hauptstall in einer Box untergebracht. Da steht er dann, und guckt unglücklich

 

Morgen kommt der Tierarzt wieder und macht ein Ultraschall von der geschwollenen Sehne.

Skarpur, unser Islandpferd, steht im Sonnenlicht auf der Weide und guckt mich unschuldig an

Das Pony macht sich selbstständig

Da komme ich also zum Stall und will nach Helgi gucken bevor der Tierarzt kommt. Skarpur ist ja unten im Stall in seiner Box und wartet brav auf mich ... dachte ich.

 

Als ich am Laufstall oben ankomme, ist unser Stallhelfer gerade dabei, den Paddock auszumisten. Die Pferde sind auf der an den Paddock angrenzenden Weide. Der Stallhelfer guckt mich mit ungläubigen Augen an:

 

"Dein Pferd stand gerade mutterseelenallein vor dem Laufstall und tänzelte herum. Ich hab' ihm die Tür aufgemacht, da ist er rein gekommen und auf die Weide galoppiert."

 

Jetzt sind meine Augen auch ungläubig. 

 


Facepalm.

Lieber Skarpur, du warst gestern noch kreuzlahm. Galoppieren ist eine furchtbare Idee!

 

Aber als ich auf die Weide komme, steht er fröhlich da und guckt mich an. Zumindest im Schritt ist von Lahmheit nichts zu sehen.

Nix passiert, aber ...

Beim Vortraben beim Tierarzt ist die Lahmheit auch deutlich besser als gestern. Und das Fieber ist weg. Soweit so gut.

 

Die Schwellung an der Sehne ist immer noch deutlich vorhanden, so dass der Tierarzt wie geplant das Ultraschallgerät auspackt. Skarpur hält vorbildlich still, und bald ist die Diagnose da: Das Fesselträgerband ist an einer (zum Glück kleinen) Stelle von der Sehne abgerissen.

 

Ouch. Es hätte viel schlimmer sein können, die Verletzung ist keine absolute Katastrophe. Aber: Der Heilungsprozess wird ungefähr drei Monate dauern. In den nächsten drei Wochen soll Skarpur so viel Ruhe wie irgend möglich halten. 

 

Gar nicht so einfach. Skarpur hasst die Box, in die wir ihn gesperrt haben. Er tänzelt darin herum und wiehert uns hinterher. Wie gut, dass die Boxtür jetzt doppelt gesichert ist, sonst würde er vermutlich wieder ausbrechen.

Islandpferd Skarpur steht in der Box uns streckt uns die Zunge raus. Naja, das ist nicht die aktuelle Box, aber das Bild passte so gut

Zu zweit geht alles besser: Islandpferde Helgi und Skarpur stehen dicht beieinander und grasen friedlich

Helgi hilft

Wir dachten immer, Skarpur sei ein sehr gelassenes, in sich gekehrtes Pferd. Als mein Mann und ich am nächsten Tag in den Stall kommen, werden wir eines Besseren belehrt: Skarpur prustet und schnaubt, tänzelt neben uns her, und benimmt sich insgesamt eher wie ein wilder Hengst als wie das gesittete Pferd das wir kennen. 

 

In der Box neben ihm steht eine Stute mit einem gebrochenen Griffelbein, so dass er nicht allein ist. Das beruhigt ihn aber scheinbar gar nicht. Als wir ihn aus der Box holen will er nur eins: So schnell wie möglich zum Laufstall, zu seinen Freunden.

 

Mein Mann schafft es mit Müh und Not Skarpur ruhig genug zu halten, dass er seine Verletzung nicht noch schlimmer macht. Oben am Laufstall angekommen wiehert er nach Helgi, der auf der Weide ist. Helgi wiehert lautstark zurück – und setzt sich in Bewegung, um von der Weide zurück in den Laufstall zu seinem Freund zu kommen!

 

Und später, als wir mit Skarpur wieder Richtung Box zurück gehen, steht Helgi auf der Weide am Zaun und beobachtet uns statt zu fressen


So sieht wahre Freundschaft aus!

 

Von jetzt ab geht Helgi auf den täglichen Spaziergang mit, den der Tierarzt Skarpur zur Beruhigung erlaubt hat. Da ist Skarpur gleich viel besser kontrollierbar und wirkt nicht mehr so panisch.

Jetzt brauchen wir einen langen Atem

Oh je, die nächsten drei Monate werden schwierig.

 

Zum Glück ist unser Stallbesitzer mit Herz und Seele Tierfreund und legt sich ins Zeug, dass es seinen vierbeinigen Mietern so gut wie möglich geht. Er steckt uns auf einer Wiese einen variierbaren Paddock ab, auf dem wir Skarpur tagsüber für ein paar Stunden parken können.

 

So fühlt er sich hoffentlich nicht wie im Knast, auch wenn er sich nicht viel bewegen darf. Trotzdem wird der tägliche Spaziergang wohl in den nächsten Monaten zum Pflichtprogramm gehören. Hoffentlich können wir ihn lange genug ruhig genug halten, dass er sich nicht noch mehr verletzt!

 

Bitte drückt uns die Daumen!

Zwei Islandpferde stehen hinter einem Gitterzaun und stecken die Köpfe zusammen


Helgis Jungpferdetagebuch

Sigrid Goldmann, Helgis Jungpferdetagebuch: Jungpferdetraining mit Johanna Tryggvason

 

Wenn dir diese Geschichte gefallen hat, ist vielleicht auch Helgis Jungpferdetagebuch etwas für dich:

 

Das Jungpferdetagebuch begleitet ein Jahr lang das tägliche Training, mit allen Höhen und Tiefen, Problemen und deren Lösungen. Ich erzähle aus der Perspektive einer Freizeitreiterin, wie sich Helgi unter der Begleitung meiner Trainerin Johanna Tryggvason zu einem zuverlässigen Partner entwickelt hat.

 

Ein Ratgeber einer Freizeitreiterin für Islandpferdefans, Freizeitreiter und deren Trainer. 

 

Das Buch geht auf die Besonderheiten der Jungpferdeausbildung ein, bietet aber auch viele Tipps für die Arbeit mit Pferden jeden Alters.


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